Donnerstag, 5. Juni 2008

Die Wahrheit über Brasilien

Nicht, dass ich sie gepachtet hätte, aber ich hab so viele Einwände und Befürchtungen aus Deutschland gehört bevor ich geflogen bin, dass ich dem absolut unbegründeten schlechten Ruf des Landes entgegenwirken wollte.

Kleine persönliche Hintergrundinformation:

Ich bin den Februar über mit Lucila, meiner Mitbewohnerin aus Buenos Aires, für vier Wochen nach Brasilien geflogen. Sie ist Brasilianerin, in Sau Paulo geboren, in Deutschland aufgewachsen, und lebt seit 2 Jahren in Buenos Aires wo auch Ihre Mutter und Schwester wohnen. Sie fliegt jede Sommerferien nach Brasilien um Ihren Vater und dessen Familie dort zu besuchen und dieses Mal bin ich mitgekommen ;-)

Kleine geo-sozio-politische Hintergrundinformation über Brasilien:

- Es ist bei weitem das größte Land in Südamerika, nur geringfügig kleiner als die USA und nimmt über die Hälfte des Kontinentes ein – außerdem grenzt es an jedes Südamerikanische Land außer Chile und Ecuador.
- Die ca. 180 Millionen Einwohner machen Brasilien zum 5. einwohnerreichsten Land der Erde. Ungefähr 55% sind weiß, 38% Mulatten und ca. 6% Schwarze (1% „Andere“ incl. Indigene Bevölkerung).
- Fast 90% der elektrischen Energieversorgung wird durch hydropower bereitgestellt.
- Asphaltierte Straßen in Brasilien haben ca. eine Länge von 0,2 Millionen km und unasphaltierte mehr als 1,8 Millionen km.
- Exportgüter sind hauptsächlich gefertigte Ware (Autos, Klamotten,…), Soja und Kaffee. Desweiteren produziert Brasilien 90% der Edelsteine der Welt.


Für mich war der Monat so beeindruckend und hat natürlich auch ein anderes Licht auf Südamerika geworfen wovon ich bis jetzt ja nur Uruguay und Argentinien kenne und auch auf die Argentinier.


Unsere Reisepläne waren für die Größe des Landes (s.o.) recht bescheiden: wir wollten in einem Monat ganz gemütlich die 500 km lange Küste inklusive der Städte zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo bereisen. Die Route war grob festgelegt aber hat viel Spielraum für eventuelle Änderungen gelassen: Rio de Janeiro (ca. eine Woche während der zwei Karnevalswochenende) – Paraty – Ilha Grande – Camboury – Sao Paulo – Rio.

So jetzt aber kurz zu meinen Eindrücken:
Angekommen in Rio auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt war leider der erste Erschreckende Eindruck den ich gemacht habe eine Bestätigung der Vorurteile über das Land in der Hand von Korruption und Drogenhandel:
Vom Auto aus sah man wie ein weißer Mann in Polizeiuniform einen Schwarzen am Straßenrand in ein Parkhaus schleppte und dort so brachial auf ihn eingeprügelte, dass es mir kalt den Rücken herunter lief. Brutalität dieser Art wird ja ganz selbstverständlich in den Medien zur Schau gestellt, sie jedoch mit eigenen Augen zu sehen erfordert eine andere Art der Verarbeitung.
Dies als „Einstimmung“ bestätigt auch durch Lu’s Vater war abzusehen, dass Rio ein gefährlicheres Pflaster als Buenos Aires ist. Jedoch, wie in jeder neuen Umgebung, wenn man sich Informiert – am besten vor Ort bei den Lokals sich anpassen kann und sich mit gesundem Menschenverstand durch die Straßen bewegt (kleine bis keine Taschen, kein Schmuck, sich mit dem Fotografieren von Einheimischen zurückzuhalten,…), ist es auch nicht viel wahrscheinlicher Überfallen zu werden als in anderen Großstädten. Und im Falle des Überfalls gibt man alles was man geben kann und hat eine 99% Überlebenschance.



~ RIO ~

So war es dann auch. Ich fand Rio fantastisch. Durch die extreme Feuchtigkeit war die Stadt überwuchert mit grün und Pflanzen aller Art. Von Bananenstauden über Jack Fruits zu Lianen hat die Vegetation alle Bereiche der Infrastruktur mit beansprucht. Die Cariocas (Einwohner von Rio) sind suuuuper hilfsbereit und freundlich und richtig gut drauf. Mir kamen sie irgendwie ausgeflippter vor als die Argentinier und kreativer - forciert durch die extreme Armut helfen unkonventionelle Ansätze zur Problemlösung weiter – sei es die Art elektrischen Strom in die Favelas zu bringen oder seine Gang zu repräsentieren oder Geld zu verdienen oder Touristen abzuzocken. Am offensichtlichsten waren überall an den Wänden der Stadt grellbunte Graffitibilder, Skulpturen und Künstlermärkte. Was mich als Sommerliebhaberin vor allem begeisterte ist, dass allein schon durch den Aufbau der Stadt klar ist, dass das Zentrum die Sonne, das Meer und vor allem der Strand ist. Alle Strände in Brasilien sind per Gesetz öffentlich und frei für alle zugänglich und am Strand spielt sich das Leben ab. Hier sind die Reichsten, die Ärmsten, Drogen, Essen, Trinken, Kunst, Geld, Müll, Verbrechen,
Arbei – kurz alles was Rio ausmacht.




Soweit so gut. Wir sind ja extra zu den höchsten Feiertagen des Landes nach Brasilien und in die berühmt berüchtigten Hochburg des Karnevals (den Rheinlandwitz erspare ich euch jetzt) gepilgert. Wie schon das ganze letzte Jahr hatten wir ziemlich Pech mit dem Wetter: es hat die ersten eineinhalb Wochen mit wenig Unterbrechung durchgeregnet und war ziemlich kalt (während es in Buenos Aires bis zu 40 Grad und Sonnenschein hatte – grrrrrr). Dadurch war der Karneval auch für meinen Geschmack relativ trist. Alkoholexzesse und die Versuche auf Zwischenmenschliche Annäherung sind ja zum Glück (für die Brasis) nicht Wetterabhängig, aber für mich waren diese Aspekte relativ uninteressant.




Abgesehen davon findet einfach auch sonst das Leben in Rio draußen ab und wir haben auch jeden regenfreien Moment zur Stadterkundung genutzt aber letztendlich haben wir uns doch oft im Haus von Lu’s Papa aufgehalten was ich eigentlich voll toll fand, weil:
Die Freundin von Lu’s Vater hat schon zwei Kinder (acht und elf) mit in die Beziehung gebracht, die hatten Sommerferien, denen war‘s langweilig und die „Erwachsenen“ hatten viel zu tun. Also haben wir viel Programm v.a. Spiele gemacht. Mit den „Erwachsenen“ konnte ich mich immer noch gut auf Spanisch unterhalten, aber die Kiddis verstanden davon nur wenig. Also haben sie mir auf – im wahrsten Sinne des Wortes – spielerische Weise portugiesisch Unterricht gegeben. Die Grammatik ist weitgehend gleich wie die spanische und ca. 60% der Wortstämme auch und Kinder sind geduldig und lachen einen nicht aus. Alles in allem eine Woche perfekter (und billiger) intensiv Sprachkurs.





~ DIE LIEBENSWERTE KÜSTE ~




Als wir dann allerdings unsere Reise an der Küste angetreten haben, in Paraty angekommen sind und es immer noch wie aus Kübeln goss, fielen unsere wochenlangen intensiven Bemühungen, uns vom Wetter nicht die Laune verderben zu lassen, in sich zusammen und wir haben depressiv im Internetcafé nach alternativen Ausflugszielen in Brasilien gesucht. Als an der gesamten Küste Regen angesagt wurde haben wir dann tatsächlich wirklich mit der Option geliebäugelt nach einer Woche wieder zurück ins heiße Buenos Aires zu fliehen. Letztendlich hat sich das Durchhalten gelohnt, denn ab dem nächsten Tag wurde es weniger regnerisch und danach endlich richtig sonnig und heiß.

Und ab da war alles (ohne Übertreibung) auch nur noch toll. Unglaublicher Weise sind die Leute an der Küste außerhalb der großen Städte noch offener, noch hilfsbereiter, noch gechillter und noch cooler drauf. Wir haben in den Hostels und auf dem Weg natürlich oft Leute aller Nationalitäten (u. A. eben auch Brasis) kennengelernt und haben auch Teile des Weges gemeinsam bestritten und jedesmal haben vor allem die Brasilianer/-innen mich einfach umgehauen mit ihrer Lebensart und -einstellung. Von Gewalt und Kriminalität haben wir nachdem wir Rio verlassen haben 3 Wochen lang gar nichts mehr mitbekommen. Dafür wurden wir aber mit selbst gekochtem Essen überrascht, Einladungen zum gemeinsamen „Kräuterzigaretten“ rauchen und vielen netten Bekanntschaften auf dem Weg.
Was der Offenheit und Liebenswertigkeit der Einheimischen aber in nichts nachsteht ist die beeindruckende Schönheit der Natur, des Meeres und des Regenwaldes.
Die Trekking Touren die wir gemacht haben gingen sowohl der Küste am Festland bzw. der Inseln entlang als auch ins Landesinnere. Aber egal wo man ist, man läuft durch den Urwald. So viel Grün und Pflanzenarten und abartigste Insekten und Tiere hab ich noch nie gesehen und war überwältigt von der Artenvielfalt der Bromelien, Farne, Bambusse, Spinnen, Ameisen, Krebse,… . Und dann muss man sich mal vorstellen im amazonischen Regenwald auf Entdeckertour zu gehen, wo die Natur noch viel unberührter ist und noch (!!!) nicht durch den Menschen allzu sehr eingeschränkt wurde. Das stelle ich mir wirklich atemberaubend vor.
Die Tour entlang der Küste von Ilha Grande war der Hammer: wunderschönster einsamer Sandstrand, danach wieder bergauf und bergab durch den Dscschungel – wieder Strand, wieder bergauf und –ab, dann durch den Dschungel – Strand, bergauf,… Die Luft fühlte sich weder heiß noch schwül an, aber trotzdem betrag die Luftfeuchtigkeit fast 100%, so dass einem als Europäer Wasserfälle den Körper entlang rannen. Doch der stundenlange Marsch durch die einsame Insel war auch für Wanderunfreaks wie mich sehr lohnenswert. Wie schon gesagt der beeindruckende Regenwald im Wechsel mit verlassenen Postkartenstränden und dem kristallklaren, türkisen Meer wo man Weit und Breit keine andere Menschenseele trifft, außer ab und zu an einem kleinen Hippiedorf mit 4-5 Häuschen und einer Kirche vorbeikommt. Die Bewohner dort verkaufen an vereinzelten Touristen die sich hierher verlaufen haben ihre Artesania (Kunsthandwerk) und sonst bringen sie die Kinder mit den Booten zur Schule und genießen den Tag so wie man sich vorstellt das es einst Bob Marley getan hat - a la Rastafari.


Trinidade – ein 50 Seelen Örtchen wo wir letztendlich unsere Homebase aufgeschlagen hatten und fast eine Woche geblieben sind ist eins von diesen Örtchen – allerdings auf dem Festland. Die Legende besagt, dass ein Mann eines Tages den Strand Trinidade gesehen hat und beschloss hier sei der perfekte Ort um eine Tüte zu rauchen. „Hier bleibe ich. Hier gründe ich ein Dorf.“ Und die Story ist gar nicht so unglaubwürdig wenn man dort mal ein paar Tage war. Das Leben dreht sich um den Strand bzw. die Strände um das Örtchen, Marihuana und Trinidade an sich. Gearbeitet wird schon auch – aber nicht gestresst. Die Leute dort brauchen nicht viel zum Leben, bauen das zum Teil auch gemeinschaftlich an und verdienen das was Sie benötigen vom Tourismus – sprich Artesania, Zimmervermietung, Essen,… . Luxus sieht man dort nicht, und die einzige Internetverbindung ist auch eher ungewiss aber die Leute scheinen sehr zufrieden, leben dort relativ ungestört unter sich und haben viel Zeit das Leben zu genießen. Auch die tausend Kinder die dort den ganzen Tag rumturnen machten einen sehr glücklichen Eindruck. Wie Überall auf der Welt habe auch sie das Internetcafé belagert um sich blutige Computerspiele mit viel geballer und stöhnend-blutverschmiert sterbenden Opfern hinzugeben, aber sie leben dort eine freie Kindheit inmitten der schönsten Natur, ohne Verkehr, Leistungsdruck und Hektik. Man kann davon halten was man will aber ich hab mich dort sofort wohlgefühlt auch auf Grund der Tatsache, dass man sich halt nach ein paar Tagen kennt – so viel Leute wohnen da nämlich nicht J Die zu- und abführenden Straßen sind kaum befahrbar – man bleibt unter sich.




~ PLASTIK, KAUGUMMI & CO ~

Ich versuche die ganze Zeit einen Übergang zur Umweltpolitik hinzubekommen, aber irgendwie klappt das nicht. Dann eben so auf die eher plumpe Art:
Die Schönheit des Landes habe ich ja schon mehrere Male erwähnt. Argentinien ist ja teilweise auch ein recht schönes Land (außerhalb der Pampa) aber das wertschätzt dort einfach keiner. Der Mülleimer ist die nächste Umgebung, egal ob man im Naturschutzpark oder auf der 9 de Julio steht. Das ist in Brasilien anders. Überall stehen Mülltonen - für Mülltrennung! Die ganzen Strände und Dörfchen und der Urwald sind komplett Müll frei und jedes Kind kann genauestens aufsagen wie lange es dauert bis ein Kaugummi, eine Zigarettenkippe, eine Plastiktüte oder Orangenschalen brauchen um zu verrotten oder wahlweise wie viel Liter Wasser verschmutzt würden, würde man es ins Meer werfen. Und falls man diese Fakten vergessen sollte, stehen an jeder Ecke Tafeln, die einen auf diese Tatsachen hinweisen.




Jedenfalls war die Reise entlang der Küste der Wahnsinn. Kurz vor Sao Paolo haben wir durch Freunde von Lu’s Cousinen einen eher unfreiwilligen Abstecher in die paulistische High Society gemacht. Das auszuführen, würde den Rahmen sprengen und wäre eher ein eigener Beitrag. Ich erzähle Euch das aber gern mal persönlich. Jedenfalls entschieden wir aufgrund dieser sozioökonomischen Exkursion die Großstadt Sao Paolo auszulassen und stattdessen noch ein paar Tage mehr die heile Welt der Küstendörfchen zu genießen. Gute Entscheidung. Denn danach ging‘s schon wieder zurück nach Rio um unsere letzten 3 Tage dort zu verbringen.



~ ARM UND REICH ~

Bevor ich wieder „nach Hause“ nach Argentinien flog wollte ich unbedingt noch mehr über die Stadt von Rio wissen. Relativ viel haben wir ja schon gesehen aber eben der Teil, der immer schön unter den Teppich gekehrt wird ist nur schwer zugänglich. Die Favelas! Da die Favelas ungleich allen anderen Großstädten der Welt auf den steilen Bergabhängen von Rio gelegen sind, sind sie schlicht unübersehbar. Aber die ganzen Mythen die sich um diese Stadtviertel ranken und die übertriebene Angst, die die cariocische Mittel- und Oberschicht vor dem Präkariat und dessen Umgebung hat vermitteln den Eindruck sobald man einen Fuß in die Favela setzt wird man erschossen.
Lu’s Vater ist Kameramann für das deutsche Fernsehen (Geo und arte) und dreht oft in den Favelas. Er hat mir sogar angeboten, dass mich Freunde von ihm durch unsere „Nachbarfavela“ begleiten und Sie mir zeigen. Das war natürlich ein tolles Angebot. Aber erstens heißt das dann noch lange nicht, dass es auch wirklich klappt wenn man mit den Brasis was ausmacht und am nächsten Tag fährt, und zweitens hätte man mir dann auch keine Zahlen oder politischen Hintergründe nennen können. Ich habe mich dann letztendlich für die kommerzielle und auch sehr teure Variante entschieden und habe eine „Favela-Tour“ gemacht. Ich weiß, das hört sich abartig an – ist es auch bis zu einem gewissen Punkt – aber absolut lehrreich. Ich habe mir sagen lassen, das es solche Touren von bestimmten Hotels auch organisiert werden, die dann mit offenem Jeep durch die engen Straßen der Favelas als Fotosafari fahren. Armut als Unterhaltungsprogramm. So war das bei uns nicht. Es war eher „lernt die andere Seite - außerhalb der Copacabana von Rio kennen – ohne Sie gäbe es kein Rio“.



Als erstes haben wir eine Schule besucht, die von „Favelatours“ gebaut wurde und immer noch unterhalten wird. Sie liegt in einer sehr kleinen Favela, die auch auf Grund dieser Schule-Hausaufgabenbetreuung-Daycare-Instutition, die höchste Studentenquote der gesamten Favelas in Rio hat. In dieser Favela herrscht außerdem im Gegensatz zu allen anderen - keine Organisierte Kriminalität. Der Grund ist ein ganz pragmatischer: Das Favelachen wird auf zwei Seiten von einem gutbürgerlichen Stadtteil der Mittelklasse umgeben, die sich natürlich auch baulich gegen die „andere Seite“ abriegeln. Auf der 3. Seite der Favela befindet sich ein Golfplatz, der von einer hohen Mauer umgeben ist – natürlich auch um sich von der Favela abzugrenzen. Letztendlich ist es nur möglich dieses arme Stadtteil auf einer einzigen Seite zu betreten und zu verlassen und diese eine Seite ist eben sehr einfach abriegelbar für die Polizei oder das Militär im Falle einer Razzia – und mit genügend Personal bei der geringen Größe eben auch leicht zu erstürmen. Deswegen bemüht sich erst gar niemand dort Drogen- oder Waffenhandel aufzubauen und diese Favela bleibt eine sehr friedliche und sichere (zur Sicherheit schreibe ich später noch mehr) und die Perspektiven für die Bewohner sind nicht ganz so aussichtslos wie die der anderen Favelabewohner.
Letztendlich muss man mal ganz klar sagen dass Favelas auch „nur“ Stadtteile sind, in denen nicht nur Dealer, Prostituierte und Schmuggler leben. Der absolut überwiegende Anteil der Bevölkerung sind „ganz normale“ Arbeiter, die halt die Drecksarbeit in der Innenstadt erledigen und die niedrig bezahltesten Jobs übernehmen – oft im Tourismusbereich – sei es als Tellerwäscher, Müllmann oder Zimmermädchen im Hotel oder Nanny für die Schönen und Reichen an der Copacabana. Viele Eltern haben mehrere Jobs und sind von morgens bis abends am Malochen um die Familie einigermaßen durchzubringen. Deswegen wohnen sie auch in Favelas. Man kann sich dort billig mit Hilfe der Nachbarn ein eigenes Häuschen bauen oder bei einem zusätzlichen Anbau evtl. Zimmer vermieten und dadurch sich auch billig einmieten (Was auch viele zugezogene – auch Europäer – machen weil die Mieten in der Stadtmitte einfach nicht zu bezahlen sind). Bis vor 15 Jahren wurden die Favelas komplett von der Regierung oder der jeweiligen Stadtverwaltung ignoriert. Man tat einfach so als währen Sie nicht vorhanden – es wurde kein Wasser, Strom, Müllentsorgung geschweige denn Rechtsschutz gewährt. Vor 15 Jahren wurde dann das Programm der „barrioçao“ (Eingemeindung) ins Leben gerufen und lief auch ein paar Jahre lang sehr effektiv. Gas, Wasser, asphaltierte Straßen, Entsorgungseinrichtungen und vor allem Straßennamen und damit persönliche Wohnungsanschriften (eine eigene Adresse gibt einem mehr Möglichkeiten als man denkt – abgesehen von Postzustellung kann man sich auch melden und wird von der Stadt vertreten) wurden eingerichtet. Jedoch wurde das Programm nach einiger Zeit wieder eingestellt und damit hatten alle Bewohner die danach in die ständig wachsenden Favelas zogen und bauten all diese – eigentlich selbstverständlichen - Privilegien nicht mehr.


~ EIGENE GESETZE ~

Was ist denn dann eigentlich alles dran an der Gefahr von der immer alle in Deutschland reden (gell, Martin :-), die von den Favelas ausgeht und was heißt denn organisierte Kriminalität?
Fakt ist tatsächlich, dass die sowieso schon durch und durch korrupten Polizisten und das ebenso strukturierte Militär ein inoffizielles Abkommen mit den Chefs in der Favelas getroffen haben und diese ihrer Eigenverwaltung überlassen unter gewissen Voraussetzungen. Und eben diese Voraussetzungen determinieren das Zusammenleben und die pragmatischen Gesetze der Favelas. Raub und Vergewaltigung stehen unter Todesstrafe –Touristen mit eingeschlossen. Das hat zwei einfache Gründe: in den Favelas leben auf extrem geringer Fläche unglaublich viele Menschen – wie viele genau weiß niemand sicher – die Größte Favela in Rio und bis vor kurzem auch der Welt – Rochina – wird auf 300.000 bis 500.000 Bewohner geschätzt. Sicherheit des eigenen Eigentums kann auf so extremer Nähe einfach nicht durch Schlösser und Türen gewährleistet werden. Deswegen gibt diese Sicherheit eben das Vertrauen an die Nachbargemeinschaft, und wenn die einmal versagt, greifen die erbarmungslosen Gesetze der Drogenbosse – ganz einfach. Desweiteren ist eine logische Konsequenz für den Fall, dass Touristen regelmäßig bestohlen werden würden, dass früher oder später die Polizei in ihrem Drogen Revier eindringen würde und eben dies gilt es zu verhindern.
Natürlich ist auch Drogendealen außerhalb der jeweils beherrschenden Organisation verboten. Viele Jugendliche lassen sich von den Chefs anheuern ihr Koks oder sonstiges zu verchecken und die Motivation ist eigentlich für alle - immer jünger werdende Kinder die Selbe: Geld zu machen um der Favela und ihrem Teufelskreis zu entkommen. Letztendlich gelingt das auch der überwiegenden Mehrheit - jedoch ist die Endstation dann meistens der Friedhof oder der Knast. Drogen werden außerhalb der Favela an die zahlenden Kunden verkauft und dort greift die Polizei ein. Eigenkonsum der bei den blutjungen Handlangern zum exitus lethalis führt ist leider genauso an der Tagesordnung wie ziviler Kollateralschaden, der im Schusswechsel mit der Polizei oder befeindeten Untergrundorganisationen anfällt. Letzteres ist übrigends so normal wie das tägliche Brot harte Arbeit voraussetzt. In Rio sind wir beinahe jeden Abend mit den Geräuschen von Maschinengewehren oder sonstigen Feuerwaffen eingeschlafen.
Jetzt werden natürlich wieder die sich bestätigt fühlende Stimmen laut: „sag ich doch – Brasilien ist gefährlich!!!“ Vielleicht haben wir da ja andere Auffassungen, aber 1. Rio und Sao Paulo sind nicht Brasilien und 2. Es werden keine Leute einfach so auf der Straße abgeknallt – halte dich an die Regeln und das schlimmste was passieren kann ist, dass man dich beraubt – ich gebe ja zu, dass das häufiger passiert als in Berlin – jedoch ist die Entschädigung für diese kleine Risikopauschale das Kennenlernen eines anderen Landes und dem unglaublichen Reichtum dieser Gesellschaft auf allen Gebieten außer eben der fiskalen.


Die Entstehung dieser Form der organisierten Kriminalität - wie man es immer so schön nennt und den Zustand auch sehr treffend beschreibet – geht übrigends im entferntesten Sinne auf den Sozialismus (böser Sozialismus) zurück und ist hausgemacht. Während diverser Militärdiktaturen kam man mit der grandiosen Idee auf jeweils einen politischen Gefangenen (tendenziell mit linker Hintergrund J und einen „normalen“ Kriminellen (Mörder, Vegewaltiger, Diebe,…) in eine Zelle zusammen zu sperren. Der zugrunde liegende Gedanke war, dass die normalen Gangster die politischen „resozialisieren“ (welch Wortspiel – ich bin stolz auf mich) – leider ging dieser Schuss aber voll nach hinten los. Natürlich ließen sich die eher gebildet und belesenen politischen Häftlinge nicht so einfach umkrempelt, wollten jedoch auch weiterhin vom Gefängnis aus Ihre Ziele verfolgen. Insofern brachten sie der anderen Seite – den normalen Häftlingen - bei sich zu organisieren. Sie legten Ihre Kontakt um an Waffen zu kommen offen und erzählten welcher Mächtige welche Schwachstellen hatte oder wie er zu bestechen war. Letztendlich wurde auch dort in den Zellen die Idee geboren mit Drogenhandel die linke Revolution zu finanzieren. Auch heute wird immer noch von mehreren Generationen des Drogen- und Waffenhandels gesprochen. Die erste war eben die Rote. Mittlerweile sind wir bei der 3. Generation angelangt, die sich eben durch die extrem jungen Handlanger und Mittelsmänner der Drogenmafia auszeichnet.
Einmal – vor ca. 15 Jahren, als die Regierung versuchte die Favelas einzugemeinden war ein Teil der Idee die Innenstadt in diesem Zug etwas schöner zu gestalten – schöner heißt in diesem Fall Favelafrei. Es wurde vor den Toren der ehemaligen Hauptstadt ein künstliches Städtchen errichtet und die Favelas die in Rio’s Zentrum gestört haben wurden platt gemacht. Ihre Bewohner durften umsiedeln. Toll dachten sich die Verantwortlichen: die Favela ist weit draußen, heißt jetzt auch nicht mehr Favela und ihre internen Gewalt- und Drogenproblemchen werden sich jetzt schon von selbstlösen. Hmm, geht nicht denkt ihr jetzt? Stimmt auch. Das Städtchen entwickelt sich zur Brutstädte der übelsten Lebensverhältnisse. Getauft wurde dieses Örtchen – ob aus bösartiger Ironie oder naiver Hoffnung:
Ciudade de deus – die Stadt Gottes.

Ich muss zugeben, dass ich in den letzten Absätzen viele negativen Zustände beschreibe ganz in Gegensatz zu meinen Vorsätzen Euch zu erklären warum der Ruf den Brasilien in Mitteleuropa genießt nicht immer begründet ist. Das was ich schreibe ist jedoch, dass was man erklären und beschreiben möchte, das was man eben erlebt und gesehen hat. Glaubt mir einfach und behaltet im Hinterkopf, dass meiner Meinung nach das Fleckchen Erde, dass ich von Brasilien gesehen habe so wunderschön und liebevoll, eigen, störrisch und gleichzeitig annehmend ist, dass ich mir voll und ganz verliebt habe und unbedingt wieder zurück will. Ich kann nur jedem empfehlen sich sein eigenes Bild zu machen – nicht nur von Brasilien, von allem was einem Interessiert. Stereotypen haben meistens einen wahren Kern aber beschreiben in den seltensten Fällen auf was es jedem persönlich ankommt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit Offenheit und Respekt die schönsten Facetten einer jeden Gegebenheit erblicken kann.