Mittwoch, 2. Mai 2007

Zwei Monate BA - Ein Fazit

Da ich das letzte Mal übers Wetter geschrieben habe und das auch schon ne Weile her ist, müsste ich mich mal wieder zu Wort melden. Bin ja so schreibfaul – aber wenn ich dann mal anfange werden es doch wieder zwei Seiten. Erst mal über persönliches:
Mir geht’s sehr gut. Wirklich. Hätte ich nicht gedacht, aber ich fühle mich total wohl hier, und Buenos Aires ist schon nach zwei Monaten mein kleines, vorübergehendes Zuhause geworden. (Man muss dazusagen, dass ich heute auch irgendwie ne rosarote Brille aufhabe. Es gibt auch andere Tage.)

Zwei klitzekleine Wehrmutstropfen begleiten mich natürlich. Zum einen, dass es hier einfach Winter wird und ich aus Deutschland immer höre – ooch ich geh in den Park, ooch hier hat es seit drei Wochen nicht geregnet, och hier ist es sooo heiß,… . Grrrrrr!!! Und zum Anderen, dass ihr mir alle, besonders natürlich meine große Liebe in Berlin, sehr fehlt. Ich denke jeder kennt das, auch wenn man voll einen drauf macht, am Ende kann man sich auch in der aufregenden und spannenden Fremde nicht die Freunde die man hat und haben will nicht aus dem Hut zaubern. Auch nicht bei noch so vielen Bekanntschaften. Also bin ich auch ein klein bisschen einsam hier. Aber dass ist auch gut so. Bin ja wirklich gesegnet mit vielen tollen Leuten um mich herum normalerweise. Es ist auch mal ne Erfahrung „alleiner“ (im Sinne von emotional „alleiner“ klarzukommen). Meine Güte bin ich heut sentimental. Ich will aber nicht, dass der Eindruck entsteht ich hätte hier keine Freunde - so stimmt das ja nun auch wieder nicht. Die Qualität ist nur eine andere (wird auch an der Kürze der Zeit liegen)! Nein, ich treff mich oft und viel mit Leuten, meistens mit Internationalen, aber ich hab jetzt auch schon ein paar Argentinier besser kennen gelernt und ich glaube v.a. mit Andi (der Typ auf den Fotos unten) werde ich mich richtig gut verstehen - feiern ist auf jeden Fall sehr spaßig mit ihm.

Soviel zu meinem Gemüt. Ansonsten hab ich nach dem Chirurgie Praktikum gleich in der Nächsten Woche mein Gynäkologie-Bock-Praktikum weitergemacht und zwischendrin noch versucht mein Visum zu beantragen – VERSUCHT!!! Heute – 3 Wochen später - hat es endlich geklappt. Ich kann’s noch gar nicht glauben. Aber zu beiden Themen schreibe ich noch mal einen separaten Post.
Nebenher hab ich ja auch noch Spanischunterricht, Capo zwei bis drei Mal die Woche und den Fotokurs.

Mit meinem Spanisch bin ich nach wie vor im Alltag ganz zufrieden. Kommt auch immer darauf an wie gut ich meinen Gesprächspartner kenne (und dessen Spanisch vor allem). Der Spanischunterricht zeigt mir aber gerade eine kritische Phase an. Anfangs bin ich immer total häppi vom Unterricht nach Hause weil ich es toll fand wie viel ich doch lerne. Natürlich hab ich im ersten Monat den größten Sprung gemacht. Danach waren die letzten zwei Wochen mehr als deprimierend. Der Feinschliff war an der Reihe um mal vom Touristen-Sprach-Niveau runterzukommen und gleichzeitig hat sich bei mir eine Blockade aufgebaut. Hab während des Unterrichts fast nichts mehr richtig gemacht und mein Gehirn fühlte sich wie ein großer Batzen warmer klebriger Asphalt an. Mir wurde gesagt das sei typisch nach ein paar Wochen, die Stagnation. Ist es wohl auch, jedoch wirkte sie sich frustrierend und vor allem auch hemmend auf meine Kommunikation aus. Jetzt geht es zum Glück wieder einigermaßen und ich kann auch langsam wieder anfangen den gelernten „Feinschliff“ einzusetzen. Wozu braucht man auch zwei Verben für „sein“ und zwei Verhangenheiten für die gleiche Zeit, die nur aus irregulären Verben bestehen???

Capo ist nach wie vor toll! Jetzt leider ohne Sandra (s.u.). Sport macht einfach gute Laune – und Capo insbesondere. Die Truppe ist auch echt sehr nett, aber mehr als Sport wird mit denen nicht sein. Alle sind ziemlich jung (wie fast immer hier) und verhalten sich auch so und haben außer Capoeira nicht viel im Kopf muss man leider sagen. Die Jungs vor allem – voll die Show offs! Allerdings kann ich sogar akrobatisch einigermaßen mit denen mithalten – unsere Berliner-Jungs haben jedenfalls mehr drauf. Alles in Allem: Nett fürs Training, aber reicht dann auch.

Im Gegensatz dazu hat sich der Fotokurs mit den schüchternen Teilnehmern echt positiv entwickelt. Nach langer Aufwärmphase sind wir jetzt eine richtige kleine „Fotoclique“ geworden. Natürlich nur 2x die Woche für 3 Stunden ;-) Die meisten im Kurs sind auch „älter“ (Der Durchschnitt ist zwischen 23 und 28) und das ist echt angenehm und interessanter als grade-erst-Teenie-gewesen-Gelaber. Am Sonntag sind wir zusammen mit unseren – teilweise unglaublich gutaussehenden Dozenten - an den Hafen gefahren und haben unsere ersten Fotos zusammen gemacht. Danach haben wir noch was gegessen und uns übers Fotografieren und die Welt der Fotografie als Zufluchtsort aus der schlimmen Realität ausgetauscht. Kompletter Schwachsinn meiner Meinung – aber um das einem hingebungsvollen Fotografen auszureden muss ich meine spanischen Rhetorikkenntnisse noch schulen. Trotz allem war es ein wunderschöner Tag und ich glaube ich hab ein paar schöne Fotos geschossen. Nächste Woche werden wir sie endlich selber entwickeln. Kann’s kaum erwarten!!! Bin echt froh, dass ich den Kurs belegt habe.

Des Weiteren habe ich in den letzten Wochen super viel mit Sandra unternommen. Sandra kenne ich aus Berlin vom Caopeira, und wir haben uns hier mehr oder weniger zufällig über Email zusammengetrommelt und uns kennen und auch lieben gelernt. Was’n Glück. (Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Sandra – kommentiere gnadenlos wenn etwas nicht deiner Wahrheit entspricht!!!). Nee, wir hatten hier echt ne sehr schöne Zeit zusammen – Capoeira, viel viel shoppen, noch viel mehr vino tinto, feiern, labern… . Aber da die liebe Sandra auch schon sechs Monate hier verbracht hat, ist sie schweren Herzens vor drei Tagen zurück nach Berlin geflogen und hat mich hier ganz traurig zurückgelassen.

*** Partyshooting ***
Links der VIP Room im Club Eruropeo; rechts die "normale" Tanzfläche.
Mein Männerhimmel auf Argentinischem Boden!!!

Kurz gesagt: die letzten Wochen hatte ich echt einen absolut ausgefüllten Tagesablauf und habe tatsächlich im Durchschnitt pro Tag nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. War echt schön und aufregend, aber mein Körper zahlt es mir heim, denn seit Freitag bin ich gesundheitlich ziemlich angeschlagen – Erkältungs-Bronchitis-Grippe-zu-leicht-um-im-Bett-zu-bleiben-zu-schwer-um-was-zu-machen-Scheiße.

Nun jut. Da der Abschied von Sandra, das vorläufige Ende der Unikurse (wer weiß wann sich Boluda-Sacriste wieder meldet) und meine Krankheit auf einen Termin gefallen sind hing ich die letzten Tage ziemlich trist in den Seilen. Bis meine Eltern mich im Juli besuchen kommen hatte ich nämlich keinen Plan was ich machen soll. Heute habe ich das über den Haufen geworfen und freu mich voll Enthusiasmus auf meinen Neuen Plan: Es gibt keinen Plan!
Ich werde die nächsten Wochen spät aufstehen, viel Spanisch lernen, viel zeichnen und malen, viele Fotos machen, Ausstellungen besuchen, shoppen, die Stadt besser kennen lernen, trinken, feiern, Doktorarbeit… . Ha, ich werde alles machen wonach ich mich das ganze letzte Semester gesehnt habe (außer David knutschen ;-( ). Wann habe ich wieder eine solche Möglichkeit?

Na ja, vielleicht kann man sich gerade meine rosa Brille vorstellen. Die Winterendorphine… .Wir werden sehen wie sich meine neuer Plan: es gibt kein Plan! entwickelt. Ich halte Euch auf dem Laufenden.



Bier kommt hier in Sektkübeln - Homeparty bei mir - Titel der (sehr guten) Fotoausstellung im Parque de San Martin - nichts kapiert!!!

Und morgen schreib ich dann mal ganz wirklich über das scheiß Visum!!!

Küsse
Abschiedsessen und Abschiedsbild mit Sandra am nächsten - letzten - Tag

PS: Zum Schluss noch eine nette – absolut typische - Geschichte aus BA. Sandras letzte Stunden in Buenos. Da sollte man doch ein Mal beim Lipiabotas (Schuhputzer) gewesen sein. Die arbeiten hier nämlich wirklich an jeder Straßenecke und es gehört zum guten Ton täglich mit geputzten Schuhen bei der Arbeit zu erscheinen. Nun gut – gesagt getan. Neue argentinische Stiefel aus weiß-beigem Leder. Ideal um geputzt zu werden. Erst mal werden wir (bzw. Sandra) wie Aliens angestarrt, denn für Frauen ist der oben genannte Habitus wohl nicht so üblich. Dann nähert sich der Herr mit einer orangenen Bürste Ihren Stiefeln. Sandra schreitet natürlich dazwischen und will erst abklären ob die Farbe der Bürste auch nicht abfärbt. Nein! Natürlich nicht. Das ist beste Qualität, er macht hier nur ein bisschen sauber und macht Pflege drauf,… . Na jut, kurz darauf und viel Gezeter später verlassen wir - Sandra ziemlich geknickt - mit ihren nicht mehr ganz so neu aussehenden, eher orangenen Stiefeln die Szenerie.
Vertraue nie darauf was ein Porteño-Händler dir sagt. Nie!!! Frag am besten erst gar nicht. Entscheide selbst und schnell.
Als Entschädigung – auch wiederum typisch für hier – hat uns am nächsten Stand ein „Goldschmied“ aus einer Münze zwei Kettenanhänger für lau geschmiedet. Mit einem Jahr Garantie!

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