Sonntag, 14. Dezember 2008

Reisen ist wie Gebären

Wenn das wahr wäre, dann hätte ich heute einen 5 Tage alten, schwer kranken Jungen – ich glaube Managua wäre männlich.

Ich kann zwar nicht aus Erfahrung sprechen, aber ich denke jeder stellt sich die Geburt eines Kindes nicht wie ein Kinderspiel vor – eher schmerzhaft, langwierig und traumatisierend. Auch wenn mich viele Mütter dafür mit dem Nudelholz dafür verprügeln würden – ich hatte die Selben Gedanken als mir am Morgen des Abfluges klar wurde, dass ich noch 30 Stunden in, um oder zwischen Flughäfen verbringen musste. 12 Stunden davon zwischen 4pm und 4am im Flughafen in Miami.
Die Eröffnungsphase war lang nicht so schlimm wie erwartet. Ganz flugs war die Strecke Berlin-Madrid geschafft und Madrid-Miami mit meiner verhassten IDERIA Airline war fast schon angenehm. Der Sitzt neben mir blieb frei und ich konnte meine thrombosegefährdeten Beinchen herrlich ausstrecken.
Aber dann blieb mein Baby im Geburtskanal stecken. 12 h lang. Das war hart. Als ich in Miami ankam war ich schon ziemlich übermüdet und ich machte mich sogleich auf die Suche nach einem ruhigen Plätzchen wo ich vielleicht ein paar Folgen „24“ auf meinem Laptop schauen konnte oder eventuell sogar ein bisschen dösen konnte. Drei Stunden später gab ich frustriert auf. Alles Sitze oder Bänke waren so konstruiert, dass man weder bequem aufrecht sitzen noch sich hinlegen konnte und jeder Winkel des doch recht großen Flughafens (der Übrigends wie es Plakate von allen Wänden schrien zum Flughafen des Jahres 2008 gewählt wurde) war mit einem grässlich grellem Neonlicht ausgeleuchtet. Was mich aber im Laufe der Nacht im Flughafen fast um den Verstand brachte, waren die furchtbaren gecoverten, in Dauerschleife laufenden Pop-Weihnachtslieder - nur unterbrochen durch die viertelstündlich wiederkehrenden, immer gleichen drei Sicherheitshinweise. Eine Weile hatte ich meine Ruhe auf den Gepäckbändern und konnte das ein bisschen Jack Bauer zuschauen, bis dann wohl doch noch eine Maschine landete und die Koffer mitsamt den Amitouristen mich vertrieben. Irgendwann hab ich, völlig am Ende vor Schlafmangel und Weihnachtsliederoverkill, eine Putzfrau in der inzwischen gottverlassenen Wartehalle gefragt ob sie vielleicht ein ruhigeres Plätzchen wüsste. Ihrem Rat folgend hab ich mich schließlich in ein kleines Kabuff vor die Toiletten gelegt, mein Laptop und mein Handgepäck in den Armen, die geklaute Iberia-Decke über mich und habe mich tatsächlich ein bisschen ausruhen können. Auch wenn nur wenige Leute vorbei kamen, ich habe mich überraschender Weise tatsächlich geschämt da in der Ecke wie ein Penner zu liegen, aber letztendlich konnte ich nicht mehr und mich haben die kurzen 10minütige Schlafepisoden tatsächlich etwas erfrischt.
Als ich dann endlich im Flieger nach Managua saß kamen die Presswehen. Mein Adrenalinspiegel und Blutdruck waren exorbitant hoch und wieder dachte ich ans Kinderkriegen. Man versucht sich bestmöglich vorzubereiten – meine Vorbereitung hat sich auf das Lesen des Reiseführers im Flugzeug beschränkt – und dann ist es soweit und man weiß überhaupt nicht was man sich eigentlich dabei gedacht hat jetzt einfach mal so nach Managua zu ziehen. Wie kam ich eigentlich auf die Idee, dass ich das alles einfach so alleine mache und vor allem, dass es klappt und toll wird? Keine Ahnung! Ich will zurück in Mamis Bauch!!!!!

Das Kind ist da. Wir sind gelandet. Hannah ist schlecht. Gepäck ist nicht da. Aber Edu ist da. Als wir im Auto sitzen und durch Managua fahren kommt es mir gar nicht so vor, als ob wir uns neun Monate nicht gesehen haben.

Aus dem Fenster heraus sieht man schon warum Managua als Moloch bezeichnet wird. Schön ist es nicht, arm schon. Warum? Wegen den Erdbeben, die die Stadt regelmäßig platt gemacht haben. Wegen den Kriegen, die die Stadt regelmäßig platt gemacht haben und die Bevölkerung demoralisiert und verarmt haben.
Für Neuankömmlinge ohne Auto ist die Stadt eine absolute Herausforderung. Das Gute ist, da es weder Straßennamen, noch ein Zentrum, noch Plazas, noch ein Busplan oder Ähnliches gibt versucht man erst gar die Stadt zu verstehen. Nur wenige Ampeln versuchen den Verkehr zu regeln, es gibt absolut keine Fußgängerübergänge und nur unregelmäßig läuft man auf richtigen Gehwegen. Das soll heißen - die Stadt ist ausschließlich auf motorisierte Fortbewegung ausgerichtet. Das kann ja heiter werden. Wie es scheint ist mein Junge multimorbide.

Jetzt bin ich seit einer knappen Woche hier. Die Aufregung, das Verloren sein und die Angst der Geburt sind zwar noch präsent werden aber hoffentlich bald vergessen sein. Eine eigene Wohnung, die Arbeit im Krankenhaus und ein paar Freunde werden dabei helfen. Heute Abend schau ich mir eine Wohnung an, nächste Woche geht’s ins Krankenhaus und Freunde kann man zwar schlecht auf den Terminkalender setzten, aber damit bin ich bis jetzt reichlich gesegnet worden und ich verlasse mich einfach mal auf mein Glück, dass das hier auch so sein wird.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Hannah, Reisen,wie´s Kinderkriegen, ist schon ein lustiger Vergleich, nur dass jetzt nichts kleines niedliches im Bett liegt, sonnern man selbst klein und verstört im Bauch einer völlig anderen Stadt. Ich wünsch dir eine schöne und angenehme und spannende Nachgeburtszeit.
In Gedanken an dich Papa

Anonym hat gesagt…

knausi,
das hört sich ja nach einem großen abenteuer an..ich wünsch dir ganz viel kraft und vor allem spaß bei allem, was du so treibst!
pass ganz gut auf dich auch, mein schatz!
deine nina

buenos stefan hat gesagt…

pass auf dich auf hannah, ich würde ohne fußgängerüberwege keinen tag überleben, ich hoffe du hältst es 4 monate ohne überfahren zu werden aus.

vermiss dich, aber klingt alles so aufregend, da0 ich auch schon wieder ganz neidisch geworden bin

also bis bald und gruß an edu

der stefan

acard hat gesagt…

na na na, luxus leben und ALG2 über board geworfen und schon wird da gemeckert wenn es keinen LIDL gibt?? hannah ich dachte mein capoeira bootcamp training hat dich hart gemacht - sofort 500 situps!! :)