Zurück zum eigentlichen Thema: Chirurgie in Merlo.
Merlo gehört zu Gran Buenos Aires, das heißt es ist eine der - ziemlich armen - Vorortstädte, die zur Provinz Buenos Aires gehören. Von Tür zu Tür brauche ich fast 2 Stunden, das heißt um 5 jeden Tag aufstehen ab in den Gefängnistransporterzug (siehe unten) und ab in den Campo – oh yeah!
Am ersten Tag hatten wir einen kleinen Engel an unserer Seite: Marcelo (siehe Asado in Mar del Plata)! Er wohnt in Merlo und kennt dort absolut jeden im Krankenhaus. Er hat uns alles gezeigt, wir wurden vorgestellt und so sind wir uns am ersten Tag nicht ganz so verloren vorgekommen.
Ich war ein bisschen verwirrt, weil die Chirurgische Abteilung – wie alles in Argentinien – mir wie ein großes Kaffeekränzchen mit ein bisschen Arbeit nebenher vorkam.
Die Station hat 20 Betten und ein bis drei Chirurgische Patienten liegen noch auch der Inneren oder der Intensivstation. Am Vormittag „arbeiten“ dort zwischen 12 und 17 Ärzten!!!
Der Tag fängt so an, dass die 2-4 Residents (Assistenzärzte) um 8 Uhr die erste Visite machen. Visite heißt: Decke hoch, Drainagen abchecken, Fragen ob man Kaka, Gases oder Pipi (Orginal-Spanische-Wörter) hatte, nächster. Stethoskop, Abtasten, Handschuhe und Desinfektion zwischen den Patienten gibt es sowieso nicht.
Zum Krankenhaus kann man noch sagen, das ich hinterher erfahren habe, dass es einen sehr schlechten Ruf hat und es ist wahr. Es war sehr sehr dreckig, trotz Nationalem Verbot wurde im Flur in den Ärztezimmern und neben dem OP geraucht. So viel ich weiß müssen die Patienten ihre Bettwäsche selber mitbringen und Frühstück besteht aus einem Brötchen, Keks und Wasser. Anscheinend gibt es bei den Krankenhäusern dem Municipalidad keine Qualitätskontrolle. Es hängt von dem Chef des Krankenhauses (der sicherlich verwand mit einem Politiker ist) und der jeweiligen Station ab (der wahrscheinlich mit dem Chef der Krankenhauses verwand oder befreundet ist) wie es geführt wird und in Merlo ist es eben sehr arm aber auch schlampig. Ich habe auch andere vergleichbar arme Krankenhäusern gesehen von denen ich besseres berichten kann, es liegt nicht ausschließlich am Geld.
Zurück zum Tagesablauf. Nach der ersten Visite folgt die zweite, komplette Visite. Alle Ärzte machen noch mal die oben beschriebene Prozedur durch – und mit alle meine ich (ich habe nachgezählt) eben zwischen 13 und 17 Ärzte. Die Residents stellen die Patienten vor, die Chefs schauen einmal flüchtig drüber und geben dann vor was mit ihnen weiter geschehen soll.
Danach finden Montags, Mittwochs und Freitags 2-3 OPs am Tag statt und Dienstag und Donnerstag je nach dem was anfällt.
Erst mal zu den OPs: Wir waren auf einer Allgemeinen Chirurgie, deswegen wurden am aller meisten Gallenblasen und Hernien operiert. Die Prozedur ist mehr oder weniger die selbe wie in Deutschland also medizinisch nichts Neues. Was Neu war, war die Kaffeekränzchenmentalität, die im OP genauso weiter ging wie bei der Visite. Ich war echt schockiert:
- Upsi (Chef) – ja ich weiß ich bin steril angezogen, aber ich setz mich mal bis die Anästhesie fertig ist auf den unsterilen Stuhl.
- Upsi (Assistentin) – ja ich hab mir gerade mitten im offenen Bauchraum der Patientin den Handschuh mit der Nadel aufgerissen, aber für 20 Minuten Operieren zieh ich mir jetzt nicht extra einen neuen Handschuh an oder desinfizier mir noch mal meine Finger.
- Upsi (alle Chirurgen) – Mundschutz – Muss das sein. Na gut, aber nur bis unter die Nase.
- Upsi (alle anderen im OP) – Mundschutz – Nö.
- Upsi (Anästhesistin) – Infusion mit Anästhesie läuft, ich geh dann mal rauchen. Und Tschüß.
- Upsi (Anästhesistin) – Ja ich weiß, die Anästhesie ist nicht ausreichend und die Patientin spürt, dass ihr gerade der Darm aufgeschnitten wird. Ich höre sie ja bis nach neben an schreien. Aber lass mich erst mal meinen Kaffe austrinken, ich komme gleich.
- Upsi (Anästhesistin) – OK, die PDA wirkt immer noch nicht, dann intubiere ich halt 10 Minuten vor Operationsschluss und mach ne Vollnarkose draus.
Es hört sich schlimm an, aber ich übertreibe nicht! Und was mich so ärgert ist, dass die Krankenhäuser sowieso kaum Geld für ausreichende Hygiene haben. Warum hält man sich dann als Chirurg nicht an die Regeln im OP, die ohne Kohle eine sterile Operation unterstützen? Des Weiteren treten sehr viele postoperative Komplikationen auf Grund von Entzündungen auf, die man sicherlich auf die mangelnde Hygienementalität im OP und auf der Station zurückführen kann.
Auch hierzu ein Beispiel:
Patient (17) liegt seit 2 Wochen mit offenem Bauch auf der Intensivstation, mit Handschellen ans Bett gekettet und vor dem Zimmer sitzen Tag und Nacht 2 Polizisten. Er wurde gestern Extubiert (d.h. er atmet wieder selbstständig und liegt nicht mehr im künstlichem Koma) und ihm wird 3 mal täglich ca. ein Kilo Zucker über die Gedärme gelehrt. Was ist passiert?
Vor 2 Wochen ist er von einem Polizisten angeschossen worden bevor er versucht hat einen bewaffneten Raufüberfall durchzuführen. Eine Niere und die Milz waren nicht mehr zu retten und mussten entfernt werden. Der Dickdarm wurde auch durchschossen, was heißt das Kot im Bauchraum war und das führt zu einer heftigen Bauchfellentzündung. Jedenfalls wurde operiert: Milz und Niere raus, 2 künstliche Darmausgänge an der Bauchwand und der Bauch wurde wieder zugenäht. "Witzigerweise "ist das Projektil immer noch im Bauchraum. Es wurde bei der OP nicht gefunden?!?!?
Weil sich nach der Operation der ganze Bauchraum heftigst entzündet hatte musste er wieder aufgemacht werden und ist auch noch bis heute offen. Er wird von selber zuheilen und dann eine Art Narbe über den Gedärmen bilden (ohne schützende Muskelschicht) und in einem halben Jahr wird dann wieder aufgemacht und die Muskeln wieder darüber zusammengenäht. Und der Zucker? Anscheinend gibt es in Europa & Co. ein synthetisches Mittel, dessen Namen ich nicht weiß, welches die Wundheilung unterstützt - in diesem Fall eben, dass sich die Bauchdecke wieder schließt. Es ist hyperosmolar, dass kein Bakterienwachstum stattfinden kann und regt die Granulation (heilende Narbenbildung) an. Schweineteuer natürlich. Hier benutzt man halt Zucker. Hat wohl die selbe Wirkung.
Ich habe mich mit Marcelo über das geschehen im Krankenhaus unterhalten und er meinte, dass unter anderem für die Ärzte die „armen“ Menschenleben nicht so viel wert sind. Daher ist es nicht so schlimm wenn einer stirbt und man gibt sich einfach nicht so viel Mühe. Das sind harte Worte, aber ich kann den Eindruck nicht widerlegen.
Mit 2-3 OPs pro Tag könnte man sich ja fragen: Was machen so viele Chirurgen den ganzen Tag auf so einer kleinen Station in der pro Woche nicht mehr als 10 Operationen stattfinden? Die Antwort ist: Nichts. Nach der Visite wird eben Mate und Kaffee getrunken, im Aufenthaltsraum geschnackt und gelabert. Die Assistenten legen die letzten Verbände an und das war’s. Im Op sind bis 12 oder 13 Uhr 3-4 Ärzte. Der Chef geht um 12 wieder und danach verabschiedet sich die ganze Crew so nach und nach (bis auf die, die Nachtschicht haben natürlich). Man könnte meinen das sei ein easy Job, aber ganz so isses nicht. Werde in einem der Nächsten Blogs über die Bezahlung und deren Konsequenzen schreiben.
Man könnte sich auch fragen warum nur 3 mal pro Woche operieren wenn so viel Personal da ist. Ich denke das liegt auf der Hand: kein Geld für die Ausrüstung,… ! Wenn in der Notaufnahme zum Beispiel Gallensteine diagnostiziert werden dann ist die gängige Therapie (hier und in Deutschland auch) Galle raus. Wenn möglich relativ früh, denn Steine verursachen ziemlich schlimme Schmerzen. Hier kann dann der Termin für die OP – da sie kein Notfall ist – frühestens in 6 Monaten angesetzt werden. In anderen Häusern dauert das bis zu einem Jahr. Und was macht man bis dahin? Ganz einfach, kein Fett essen.
Meistens haben wir uns an den OP-Tagen nach den Operationen verdrückt, so um 14 Uhr. An den OP freien Tagen sind wir halt ein bisschen auf der Station rumgelaufen, haben uns einen Pharmavortrag über Colostomabeutel angehört und waren in der Guardia (Notaufnahme). Was mich hier am meisten beeindruckt hat war die unkonventionelle Art mit dem Mangel an Mittel umzugehen. Wir haben bei der Behandlung einer älteren Dame zugeschaut, die gestürzt ist. Sie hatte eine sehr große, tiefe und stark blutende Kopfplatzwunde. Über ihre Lippen kam kein Laut des Schmerzes. Erst als die Ärztin das Betäubungsmittel gespritzt hat, beschwerte sie sich über die Piekser. Ich weiß nicht ob ihr wisst wie in Deutschland das Nahtmaterial aussieht, aber gewöhnlicher Weise besteht es aus einer gekrümmte Nadel an der ein Nylonfaden befestigt ist und man näht die Wunde dann mit Hilfe einer Pinzette.
Hier gibt’s das alles nicht. In eine gewöhnliche Blutabnahmenadel wird ein (steriler) Leinenfaden gefädelt (per Hand – von wegen never recap a needle) und damit wird genäht. Fertig. Keine Pinzette, kein Nix, wenn man ein Widerlager für den Stich benötigt, dann kann man die Kappe der Nadel zur Hilfe nehmen.
So, fertig berichtet. Das war ein sehr langer Text, sorry. Aber ich wollte – auch für mich – alle Dinge, die ich erlebt habe festhalten. Ich hoffe euch hat’s auch ein bisschen Interessiert. Kommentiert doch – das geht jetzt auch ohne registrieren!
Als nächstes kommt das Highlight des Fußballs: Ich war am Sonntag in der Bombonera und habe DAS SPIEL Boca vs. River gesehen. Sehr geil!!! Des Weiteren bin ich jetzt auf der Gynäkologischen Station und auch hier gibt’s viele neue, krasse Eindrücke (illegale Abtreibungen und deren Folgen, offene Gespräche über Sex zwischen Mütter und Töchtern,,,) Dazu mehr in den Nächsten Posts.
Auch wenns nicht zum Thema passt hänge ich noch ein paar Fotos aus der letzten Zeit dran – ich hab ja so viel Speicherplatz ;-)
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Der Friedhof in Recoleta (hier liegt auch Evita Peron).bmp)
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Verkehr in BA - volle Straßen, volle Subte (U-Bahn)

Aussicht am Morgen aus meinem Fenster (1,2) und am abend vom Balkon (3) unserer Wohnung. achtet mal auch die Kabel die durch den Himmel schwirren, das sind Strum und Fernsehkabel, ausschließlich auserhaus laufend.
deutscher Oscar in BA
Liebe Grüße und Küsse in die Ferne.
1 Kommentar:
Hallo Babe,
schön, dass Du so viel auf Deinem Blog schreibst! Ich muss sagen, dass ich von den Zuständen in dem Krankenhaus geschockt bin. Ich habe zwar damit gerechnet, dass die Krankenhäuser dort weniger Geld haben und somit alles anders abläuft und aussieht, aber dass es tatsächlich so schlimm ist. Also wenn ich nun verreise, werde ich immer eine Reisekrankenversicherung haben, die mir versichert, dass ich nach Deutschland geflogen werde....
Ich hoffe Dir gehts gut in BA. Können ja demnächst mal über skype quatschen.
Kuss, Kim
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