Donnerstag, 17. Mai 2007

EL SUPERCLÀSICO

BOCA vs. RIVER

Nach vielen Datumswirren und umhersurfen im Argentinian Wide Web stand der Tag endlich fest: Sonntag, der 15. April 2007. Das Spiel, welches laut der englischen Wochenzeitschrift „The Observer“ das wichtigste Sportereignis der Welt sei, das Spiel, welches das „Ruhrpottderby“ in den Schatten stellt, das Spiel, bei sich das halbe Polizeiaufgebot von Buenos Aires in Boca um die Bombonera befindet. Das Spiel bei dem sich die Boca Juniors und River Plate beziehungsweise vor allem deren Fans bekriegen.

Kurzer Exkurs in die Geschichte dieser tief sitzenden Rivalität:
Die beiden Clubs stammen aus der Hauptstadt Argentiniens, Buenos Aires. Die Boca Juniors kommen aus dem Arbeiterort La Boca, wo der Club 1905 von italienischen Einwanderern gegründet wurde. River Plate stammt ursprünglich aus dem selben Ort, hat jedoch seit den 1930er Jahren seine Heimat im Reichenviertel Nuñez. Daher gelten die Superclásicos auch als Prestigeduelle zwischen den Reichen und Armen Argentiniens. Hier könnt ihr mehr über das Superclásico, seine Fans, die Entstehungsgeschichte der beiden Clubs (CABJ und CARP) und mörderische Gewaltausschreitungen lesen.

Zurück zur Gegenwart. Am besagten Sonntagmittag macht sich eine Gruppe von drei - vom Vorabend noch nicht ganz nüchternen - deutschen Mädchen (Elisa, Sandra und Hannah), einem Tier von Mexikaner (Javier) und eine 40jährige, mit nicht allzuviel Verstand gesegneten Argentinierin (Mirna) auf dem Weg nach Boca. In Boca halten sich Touristen normalerweise beschützt von der Touristpolice nur auf einer einzigen Tourisenstraße auf, weil es im Rest des extrem armen Stadtteils von Taschendieben und Schlimmerem nur so wimmelt. Na gut, angekommen! Ganz wohl fühl ich mich nicht aber in der Luft liegt schon so eine Stimmung wie vor einer barbarischen Schlacht voll von Anspannung und Testosteron. Die Bombonera – das ruhmreiche aber heruntergekommene Heimstadion der Boca Juniors am Rande der Millionenstadt - sieht man schon von Weitem und auch die tosenden Jubelgesänge der Fans, die sich fast alle schon drei Stunden vor der Partie einen Platz in ihrer Kurve sichern, hört man im Umkreis von einem Kilometer.
Ein kleines Problemchen ist noch zu überwinden um an dem legendären Ereignis teilzuhaben. Wir haben keine Karten. Das Spiel ist seit Monaten ausverkauft aber es gibt natürlich wie überall die Möglichkeit den Schwarzmarkt aufzusuchen. In günstig gelegener Lage befindet sich dieser in den polizeigesicherten Straßen um das Stadion herum. Uns war anzusehen, dass wir nicht unbedingt hierher gehörten mit unseren teilweise blonden Haaren und Handtäschchen. Nur gestandene Männer um uns herum, die zielstrebig und ohne Gepäck mit ihren Söhnen, mit einer Gruppe Kumpels oder auch alleine mit wahrlich fanatischem Blick auf die Eingänge zustrebten.
Hier erwies sich Mirna ein einziges Mal als nützlich, als sie von den Chorizo-Verkäuferinnen auf den Gehsteigen herausbekam, wer und wo die noch übrigen Karten verkauft. Allerdings lief sie daraufhin direkt auf die zwielichtigen Verkäufer zu und erzählte ihnen, dass ihre Deutschen Freundinnen hier – und zeigte stolz auf uns - unbedingt Karten für dieses Spiel haben wollten. Tja, ihre Europäertrophäe drückte den Preis nicht unbedingt. 200 Pesos pro Karte für Stehplätze (Publico) und 300 für Sitzplätze (Planta), offiziell kosten die Karten zwischen 15 und 40 Pesos. Und er hat nur noch eine Karte für die Planta. Shit. Wir haben damit gerechnet viel Geld ausgeben zu müssen auch mit so viel Geld, aber wir haben uns geschworen nicht im Publico zu stehen. Aus allen Möglichen Quellen haben wir unabhängig voneinander gehört wie gefährlich es auf den Rängen mit den Stehplätzen sein soll. Dass man totgetrampelt werden kann, dass mit Steinen geschmissen wird, das Bänke von den oberen Rängen ausgerissen auf die gegnerischen Fans fallen gelassen werden und so weiter.
Während wir so dastanden und diskutierten ob wir soviel Geld für solch ein lebensbedrohliches Fußballspiel ausgeben sollen kann ein kleiner Junge so um die 15 auf uns zu und fragte ob wir Karten wollten. Ja natürlich, vier Stück und für wie viel Kohle? – 100 Pesos, für vier Stehkarten! – Krass!!! Die nehmen wir!
Zu früh gefreut. Der nette Kartenverkäufer von vorhin kam angerannt und checkte seinen Konkurrenten ab. Nachdem er sein Angebot gehört hatte nahm er ihn mit seiner Gang in die Mangel und sie redeten 50 Meter weiter weg eindringlich auf ihn ein. Wir verstanden nichts aber die Drohgebärden haben wir richtig gedeutet. Danach verschwand der Junge und der ursprüngliche Verkäufer kam zurück und bot uns die Karten wieder für 200 bzw. 300 Pesos an. Verarschen lassen wir uns ja nicht und verlangten die vier Karten für 100. Daraufhin zog er sauer ab und wünschte uns viel Glück beim Versuch eine Stunde vor Anpfiff ohne Tickets noch ins Stadion zu kommen. Wir waren enttäuscht aber gaben nicht auf. Ein paar Straßen weiter fanden wir den Jungen wieder und er hat uns auch gleich und ohne Probleme die Tickets verkauft. Jetzt zwar für 150 Pesos alle zusammen aber immerhin, das war fast der Einkaufspreis und für umgerechnet nicht mal 10 Euro das Spiel zu sehen ist sensationell. Es war uns dann auch erstmal scheißegal dass es Tickets fürs Publico waren. Wenn’s brenzlig wird können wir ja immer noch abhauen. Um uns zu versichern, dass die Karten auch nicht gefälscht waren begleitete uns der Junge bis zum Eingang und ohne es zu merken sind wir von den einströmenden Menge ins Stadion gezogen worden. Die Aufregung vom Kartenankauf noch nicht mal annähernd verdaut schoss schon der nächste Adrenalinstoß in unsere Adern. Ich bin mit wirklich butterweichen Knien die scheinbar endlosen Stufen zur Tribüne hochgelaufen ohne wirklich zu wissen wohin. Wir sind drin - hämmerte es in meinem Kopf, wir werden das Superclásico sehen, wir sind im Publico, wir gehören hier ganz offensichtlich nicht hierher – Scheiße, ich hab Angst!
Und plötzlich standen wir vor der Tribüne. Hinter uns der Getränke/Superpancho/Essensstand und vor uns die ach so gewalttätigen Fans, die sich eigentlich ganz normal verhielten und friedlich auf den Anpfiff warteten. Die Anspannung ließ nach und Freude brach aus. Wir haben uns hysterisch umarmt, gelacht und gekreischt und die erste Salve an Fotos verschossen. Im Hintergrund die Gesänge der Fans – das Stadion war voll!


Dann: Lokalität abgecheckt, Plätze gesucht, die sicher erschienen (ganz oben am Ende der Tribüne, neben der Essensbude) fantastisches Gefühl – wir sind hier!!! Die Sicht war nicht so der Hit, aber wir lernten gleich einen netten, interessierten, älteren Herrn mit seinen zwei jugendlichen Söhnen kennen. Er war natürlich im vergangen Jahr in Deutschland um „sein“ Team zu unterstützen und das Feeling der Mundial (dt: Weltmeisterschaft) aufzusaugen. Er war es auch, der uns an der Hand packte und uns durch die zum bersten volle Tribüne zog um uns eine bessere Sicht zu verschaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass auf die Ränge noch eine Person mehr passt, aber die Leute ließen uns ganz geduldig durch obwohl ich jedem auf die Füße und sonstiges trampelte aber am Ende hatte ich meine eigenen zwei Quadratcentimeter um darauf zu stehen und eine fantastische Sicht auf das Spielfeld und das restliche Stadion.
Natürlich war der Anpfiff nicht pünktlich (wie alles in Argentinien) aber egal – alles egal – ich bin im Superclásico. Wir haben – natürlich – noch ein paar Deutsche getroffen und die erste Frage von beiden Seiten war wie man an die Karten gekommen ist. Ha, sie haben sie ganz langweilig im Hostel gekauft. Für 300 (!!!) Pesos. Abzocke, aber OK. Die Zeit bis zum Spielbeginn wurde irgendwie komisch genutzt. Es gab wie man es von solchen Sportereignissen gewöhnt ist viel Werbung, hübsche Cheerleaderinnen, Fahnenträger und das ganze Pipapo halt. Allerdings war in diesem Fall alles auf einmal und völlig unkoordiniert. Auf dem Rasen lagen wahllos irgendwelche riesigen Werbeplakate herum, dann liefen irgendwann die paar Cheerleader herein, und haben irgendwo am Rand mit kaum zu hörender Musik, völlig aus dem Takt und nicht mal synchron ihre Bocafähnchen geschwenkt. Und zwischenzeitlich liefen ein paar Typen mit großen Gilette-Rasierer-Fahnen einmal von links nach rechts über den Rasen. Alles ganz wirr, auf nichts wurde wirklich die Aufmerksamkeit gelenkt und ich dachte nur die ganze Zeit: also ich würde das anders aufziehen.
Anzumerken ist auch, dass es erstens keine Anzeigentafel gibt (aber wer so was braucht ist hier wirklich fehl am Platz). Zweitens gibt es nur eine einzige Kamera für die Übertragung am linken Spielfeldrand in der Mitte (denkt mal an das High-Tech-Aufgebot welches in der Allianz-Arena so rumsteht). Und drittens fangen die Baracken der „normalen“ Boca Bewohner wirklich direkt neben bzw. am Stadion an (siehe Bild).

Zurück zum eigentlichen Geschehen. Ich finde Fußball ja ganz nett aber es ist halt ein Sport wie jeder andere auch, und da ich persönlich Fußballspielen viel zu anstrengend und langweilig finde haut mich das Spiel an sich auch nicht vom Hocker. Die Fans sind viel krasser.


Fans: klein, groß,jung, alt und wo man auch hin schaut: blau - gelb!

Trotz allem noch ein kleiner Kommentar zum Spielverlauf: In der ersten Minute erzielte Pablo Martín Ledesma ein fantastisches Tor für Boca – hab ich erwähnt das wir natürlich für Boca sind? - und die bebende Stimmung von vor dem Anpfiff ging fließend über in die Euphorie des rasanten ersten Tores. Diese Halbzeit wurde von Boca absolut dominiert mit - meiner Meinung nach - ziemlich schönem Fußball. Leider kein weiters Tor für die Mannschaft.
Im selben Moment als der Schlusspfiff der ersten Hälfte erschall setzte sich die ganze – zuvor hüpfend und kreischende Fankurve wie auf Kommando hin. Ich hab’s natürlich nicht geblickt und war eine der wenigen Trottel die zu langsam war und nun kein Fleckchen Stehtreppe mehr erwischen konnte um ihren Hintern darauf zu pflanzen. Das Stadion war ja auch übervoll. Tja – Pech gehabt. Weiter stehen.
Was mich während diesen 45 Minuten wirklich schockierte waren die Fangesänge. Ohrenbetäubend und die Texte waren erschreckend sexistisch und brutal. Man ist ja schon einiges aus Deutschland und Co. gewöhnt, aber das war echt zu hart. „Die Hure von einer Mutter die dich geboren hat du zurückgebliebenes Arschloch. Weißt du eigentlich das deine Schwester eine Fotze ist, und deine Freundin ist auch eine Fotze und nicht zuletzt deine Mutter – auch sie ist eine Fotze.“ Und so geht es immer weiter. Die „Lieder“ sind zwar um einiges melodischer als in Europa und wenn man die Texte nicht versteht wird man richtig mitgerissen, aber als ich mal angefangen habe sie zu übersetzten stand ich vor Schock echt mit offenem Mund und wie erstarrt in der Menge. Das geht mal gar nicht!!!
Um das Stadion sich besser vorzustellen: Die Kurven des Stadions bestehen jeweils aus drei Rängen (Etagen) und die Sitzplatzseiten waren einrängig. Da das ganze Stadion bis auf einen einzigen Rang voll mit Boca Fans war, war die Akustik trotz allem ganz schön beeindruckend. Die River Fans befanden sich im obersten Rang der Südkurve direkt über uns. Es war extrem eklig weil sie von Oben dauernd runter spuckten, runter kotzten und auch tatsächlich andauernd runterpissten. Auch brennende Zeitungen wurden alle 10 Minuten auf den berstend vollen Rang geworfen. In Deutschland wäre Panik ausgebrochen, hier ist man daran gewöhnt. Wir standen zum Glück noch überdacht von dem oberen Rang, aber die in den Reihen weiter vorne/unten wurden erbarmungslos verunreinigt. Was tut man nicht alles für gute Plätze.
Nach der Halbzeitpause kam auch nach 4 Minuten schon das Gegentor von River und die hatten sich in der Kabine auch echt ne jute Strategie ausgedacht, weil sie danach den Bocas nur noch auf der Nase rumgetanzt sind und es war nicht schön – fast schon peinlich – das mit anzusehen. Fast jedes Ballduell wurde verloren und Boca kam nicht mal ansatzweise in die Reichweite des gegnerischen Tores. Na jut, Nebensache.


Sandra hat zwar ganz fanbewusst ihre Boca-Unterwäsche angelegt aber vergessen, dass ihr T-Shirt die Farben des Erzfeindes trägt. Tja, sie musste dann eben drei Stunden in der Hitze mit Jacke an stehen. Die Alternative wäre Stripteas oder Tod ;-)

Nach dem Abpfiff ging die gleiche Chose wie vor der Pause los. Setzten – diesmal war ich schnell genug! Das war auch gut so. Denn bis sich die abgeriegelten Türen zu unserem Rang öffneten damit wir gehen konnten dauerte es noch eine weiter Stunde. Auch daran war man gewöhnt. Warum so lange?
Na klar, erst mal werden die River Fans möglichst schnell und vor allen Anderen aus dem Stadion gelassen und sofort von der Szene gekarrt. Wie weiß ich nicht, aber als wir raus kamen war keiner mehr zu sehen. Man hörte sie aber beim gehen. Dauernd wurde wüten gegen die Metalltüren zu unserem Rang gedonnert und die Treppen stanken bestialisch nach Urin als wir dann schließlich raus durften. So markieren argentinische River Fans ihr Revier. War doch nur unentschieden. Was machen die denn erst wenn sie verlieren?
Als die Türen dann geöffnet wurden ging alles ganz gemächlich und friedlich zu. Ich hätte gar keine Angst haben müssen. Aber bald sah ich auch warum. Die Straßen die vom Stadion wegführten waren noch kilometerweit auf beiden Seiten mit berittener, bis unter die Zähne bewaffneter Polizei umsäumt. Is klar.
Taxi und Bus konnte man sich in die Haare schmieren. Zu viele waren unterwegs – die Konkurrenz war zu groß. Zufrieden, kaputt aber sehr glücklich machte sich dann unsere kleine Gruppe auf den recht langen Fußmarsch nach Hause. Nachdem ich meiner Mitbewohnerin, die das Superclásico im Oktober für 300 Pesos genossen hat, noch meinen „einheimischen“ Kartenpreis unter die Nase gerieben habe bin ich dann auch fix und fertig eingeschlafen.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich als alter Hase von Boca muss korrigieren! Das Spiel fand am 15. APRIL statt und wurde im übrigen EN VIVO auf FOX SPORTS übertragen. Da konnte ich es mir mit Bier anschauen; hatte nämlich auch keine Karten. Leider nur 2 Tore, naja. Vielen Dank für den Bericht.

Anonym hat gesagt…

Nachtrag:

http://www.eurosport.de/fussball/torneo-clausura-argentinien/2007/event.shtml

Boca ist bisher nur 2ter...naja, 14ter Spieltag, da geht ja noch was.

Morgen entscheidet sich übrigens, ob Schalke oder die doofen Stuttgart-Schwaben (also dein Verein! :-P) Meister wird. Ich drück natürlich Blau-Weiß die Daumen, HAR HAR HAR

Anonym hat gesagt…

Abseits des Fussballs wollte ich mal fragen, was in deiner SUBTE (so heisst die doch?) die U-Bahn los war. Das war sogar den Tagesthemen ein 1 min Beitag wert. Rabaukentum auf höhsten Level. Quasi 3 Halbzeit.