Gynäkologie Blockpraktikum
Vor vier Wochen haben wir das 2. Blockpraktikum in der Gynäkologie gemacht. Eine Woche im Hospital Bocalandro in San Martin. Das ist eine der aller ärmsten Gegenden in Gran Buenos Aires. Das spiegelt sich im Krankenhaus auch wieder: noch weniger Handschuhe bei den Untersuchungen, noch weniger Desinfektionsmittel, Kugelschreiber, Rezeptblöcke, Bücher, einfach alles. Der Rezeptblock besteht aus alten Werbeflugblättern z.B. von einem Autohaus auf deren weißen Rückseite sich der Stempel des Gesundheitsministeriums befindet.
Begrüßt hat uns der Chef der Station, Dr. Aldini. Er hat es vorgezogen mit uns nur in Englisch zu sprechen, obwohl wir ihm versichert haben, dass wir auch Castellano können. Ich glaube er wollte mit seinem durchaus sehr guten Englisch protzen. Dr. Aldini war wie alle Chefs der öffentlichen Krankenhäuser nur vormittags im Krankenhaus und ging nachmittags in „sein“ privates Krankenhaus um dort Sprechstunde zu halten und zu operieren. Laut den Residentes (AssistenzärzteInnen) ist er ein international renommierter Onkogynäkologe. Sein Büro befand sich in der Cafeteria. Im Ernst, das war echt zu komisch. Jeden Tag von 8 – 12 saß er an immer dem selbem Tisch in der Cafete mit seinem schicken Anzug und telefonierte die meiste Zeit auf dem Handy oder las irgendwelche Papers. Wenn die Residentes irgendwelche Fragen hatten (was nicht zu selten vorkam – ist schon krass wenn die Station nur von Ärzten mit einer maximalen Arbeiterfahrung von fünf Jahren geschmissen wird) konnten sie sich in dieser Zeit an ihn wenden.
An drei Tagen in der Woche ist Sprechstunde, und an den anderen zwei finden die OPs statt. So sah dann auch unser Tagesablauf aus. Ich hab ja bis jetzt alle meine Praktika in der Chirurgie gemacht. Auf der Gyn herrscht definitiv eine andere Stimmung. Irgendwie freundlicher, menschlicher und schon von der femininen Dominanz und Emotionalität geprägt.
Die Sprechstunde war eigentlich sehr interessant. Wie auch in Deutschland kommen die meisten Patientinnen zur Kontrolluntersuchung. Die Krankenkasse (die hier umsonst ist) bezahlt einmal jährlich einen Mammographie (bei über 50jährigen) und eine Abstrichuntersuchung.
Dann waren auch relativ viele junge Mädchen da, eigentlich nur aus einem Grund: Schwangerschaf und deren Verhütung. Die Mehrheit wollte die Pille verschrieben haben. Ein 15jähriges Mädchen zum Beispiel kam mit ihrer Mutter. Sie hat einen festen Freund und der Beischlaf wurde auch schon mehrfach vollzogen. Die Ärztin fragte sie sehr detailliert aus, aber für Mutter und Tochter war das offensichtlich kein Tabuthema. Obwohl man merkte, dass die Kleine noch nicht so richtig aufgeklärt war. Ich schreibe das so ausführlich, weil ich damit sagen will, dass Sex vor der Ehe im durchaus noch konservativen Argentinien, kein absolutes Tabuthema mehr ist, und die sexuelle Erziehung meistens in der Familie zwischen Mutter und Tochter stattfindet. Oft ist es nicht ausreichend, aber es freute mich zu sehen, dass es Familien gibt, die das Thema ansprechen und sich von den erzkatholischen und prüden Verhältnissen lösen.
Die andere Seite der Medaille ist das Gesetz. Abtreibungen in Argentinien sind illegal. Die Gesetzgebung sieht nur zwei Ausnahmen vor, in denen eine Abtreibung nicht bestraft wird. Zum einen, wenn eine Gefahr für das Leben oder die Gesundheit der Mutter besteht (aber nur dann, wenn das Risiko nicht in anderer Weise umgangen werden kann). Zum anderen, wenn eine geistig verwirrte Frau vergewaltigt worden ist. Dennoch weigern sich ÄrztInnen ohne eine gesetzliche Erlaubnis in solchen Fällen oft, einen Eingriff vorzunehmen, obwohl sie diese nicht zwingend benötigen.
Trotz des Verbots werden in Argentinien 500.000 Abtreibungen pro Jahr durchgeführt. Eine Zahl, deren Größe sich nur verstehen lässt, wenn man die jährliche Zahl der Geburten von 700.000 dagegen hält. Im Durchschnitt sterben jeden Tag zwei Frauen an den Folgen von Abtreibungen. Sie sind damit die hauptsächliche Todesursache des „Muttertods“.
Die Regierung Kirchner weigert sich trotz des Vorstoßes von Frauenrechtsbewegungen und auch der Gesundheitsministerin die Abtreibung zu legalisieren. Grund ist die immer noch große politische Macht der Katholischen Kirche in Argentinien und der sehr rentable Wirtschaftszweig der illegalen Abtreibungen: Die überwiegend privaten Krankenhäuser, in denen man eine Abtreibung illegal „erwerben“ kann, bestechen die örtlichen Behörden und Polizei und verlangen für die Abtreibung Summen, die sich die betroffenen Frauen meistens nicht leisten können, da sie meist aus der armen Bevölkerungsschicht stammen. Auf Grund Scham und Stigmatisierung erhalten sie außerdem oft auch keinen familiären Rückhalt in einer solchen Situation.
Viele Mädchen versuchen deshalb verzweifelt selbst den Tod des Fötus oder Embryos herbei zu führen in dem sie durch manuelle Manipulation mit spitzen Gegenständen die Gebärmutter verletzen. Da dies in den seltensten Fällen steril geschieht ist die Infektionsrate enorm. Wir haben in der Sprechstunde ein Mädchen zur postoperativen Kontrolle gesehen, deren kompletter Unterleib sich nach einem solchem Abtreibungsversuch entzündete und eiterte. Der Bauchraum musste in einer Notoperation geöffnet werden und sie lag 3 Wochen im Krankenhaus. Zusätzlich zu der Lebensgefahr einer solchen Abtreibung besteht noch die Gefahr, dass wenn die Frauen mit eben solchen Problemen zum Arzt gehen, sie daraufhin wegen Gesetzesbruch von dem Arzt angezeigt werden und nach der Genesung in den Knast wandern können. In unserem Fall wurde das Mädchen nicht angezeigt. Das würde in diesem Krankenhaus niemand machen. Im Gegenteil, die ÄrzteInnen, mit denen wir gesprochen haben sind sich bewusst über die miserable Situation der Mädchen und die fatale Gesetzeslage. In diesem Fall, hat die Ärztin das Mädchen noch mal „komplett“ aufgeklärt, ihr die Pille verschrieben und deren Gebrauch genaustens erklärt. (Eigentlich kann man nämlich in den öffentlichen Krankenhäusern die Pille umsonst bekommen. Viele Mädchen die das aber nötig haben wissen das nicht einmal.)
Hier sind mir zu ersten Mal im wahren Leben die Konsequenzen vor Augen geführt worden was es bedeutet nicht das Recht zu haben über seinen eigenen Körper entscheiden zu dürfen. Die theoretische Debatte für oder gegen Abtreibung wird dadurch in ein ganz anderes Licht gerückt, und ich hoffe durch diesen Bericht Abtreibungsgegnern Beispiele oder Argumente zu entgegnen, die dazu veranlasst ihre Position zu überdenken.
Einige Informationen über das Thema hab ich im Netz gefunden und wen es interessiert, kann unter anderem auf den Seiten von Teenfreedom, Wikipedia (englisch) oder Lateinamerikanachrichten weiterlesen. Letzteres berichtet auch über den Fall des jungen Mädchens Romina Tejerina, die vergewaltigt wurde und nach der Tötung des Neugeborenen nun mit einer lebenslänglichen Haftstrafe rechnen muss.
Zur schöneren Seite in dieser Woche: Erneut habe ich mit erstaunen festgestellt wie freundlich alle Arbeitskollegen (egal welcher Rang, ob Schwester oder Ärztin, Mann oder Frau) miteinander umgehen. In der doch sehr machistischen argentinischen Gesellschaft finde ich es echt schön zu sehen, dass hier in der Hierarchie in den Krankenhäusern die ich kennengelernt habe das Geschlecht weniger eine Rolle spielt sondern tatsächlich eher das können (v.a. im OP).
Außerdem habe ich ja schon oben erwähnt, das die Stimmung in der Gyn (vor allem im vergleich mit der Chirurgie) eine ganz andere ist.
Ein kleines Beispiel dazu: Eine ältere Frau kommt zur Vorsorgeuntersuchung und auf die Frage wie viele Kinder sie hat fängt sie an zu schluchzen und dicke Tränen laufen ihr die Wangen herunter. Man merkte schon wie unangenehm ihr das war vor der jungen Ärztin und den 5 (3 deutsche und 2 argentinische !!!) Studenten, die etwas fehl am platz daneben standen. Aber sie konnte nicht an sich halten und weinte ganz bitterlich. Wie sich herausstellte ist ihr Sohn kürzlich bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die Ärztin nahm ihre Hand, fragte nach ihrem Befinden, nahm sich richtig viel Zeit für Ihre Geschichte, tröstete sie und am Ende heulte sie sogar richtig mit. Trotz allem schaffte sie es den Übergang zur „normalen“ Untersuchung sehr einfühlsam zu gestalten nachdem sich beide die Augen getrocknet und die Nase geschnäuzt hatten.
So eine Szene kann ich mir in einem deutschen Sprechzimmer nicht vorstellen. Natürlich muss man nicht gleich jeden Patienten, der sich schlecht fühlt auf den Schoß nehmen und mit ihm um die Wette weinen. Allerdings ich fand es sehr schön zu sehen, dass man die „professionelle“ Distanz, die man im Seminar für „ärztliche Gesprächsführung“ so penibel definiert aufweicht und durchaus wie mit einem „ganz normalen“ Gegenüber spricht und seine Empathie zeigt ohne sich an die offiziellen Regeln der Arzt-Patienten Beziehung zu halten. Meiner Meinung nach ist Körperkontakt – wie eben Handhalten oder Umarmen – auch durchaus angebracht wenn man sich dazu in der Lage fühlt und wenn man findet, dass es dem Patient zu Gute kommt.
Aus Medizinische sicht gab es am zweiten Morgen auch ein absolutes Highlight, welches sowohl uns Studenten als auch die Ärzte entzückte (bitte denkt nicht dass man sich über Krankheiten der Patienten freut, aber Raritäten stoßen eben auf großes Interesse).
Eine sehr alte Dame, begleitet von ihrer alten Tochter kam ins Untersuchungszimmer und sollte sich auf die Liege legen. Dem verantwortlichen Arzt (ein Oberarsch), dem es nicht schnell genug ging, schnipste angenervt mit den Fingern und blaffte sie an, sie solle sich beeilen. Als sie dann so weit war zeigte sich ein riesiger, faustgroßer Vulvatumor der alle klinischen Merkmale für Malignität aufwies (indolent, nicht verschieblich, infiltrierend,…). So was sieht man – zum Glück - sehr selten, aber es ist, zumindest für Mediziner, sehr eindrücklich. Auf die Frage hin, seit wann der Knoten denn besteht, antwortete sie schon an die 10 Jahre. Die Dame kam vom Land und hatte wahrscheinlich genauso lange keinen Arzt mehr gesehen. Die Entdeckung war ein Zufallsbefund, Beschwerden hatte sie noch nicht. Um das Sichere noch zu Beweisen, wurde sie für eine Biopsie am nächsten Tag einbestellt.
Nun gut, Woche zwei von drei an der Uni ist vorbei. War sehr interessant, aber Gynäkologie wäre trotz der vielen Arbeit im OP nix für mich. Zu viele weibliche Geschlechtsteile. Ob das bei Urologie wohl besser ist? Mal schauen wie die Innere nächste Woche wird.
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