Unser Letztes Blockpraktikum fand auf der Inneren statt. Tatsächlich das erste Mal, das ich länger als ein Seminar am Stück auf dieser Station „gearbeitet“ habe. Wurde auch langsam Zeit. Hier kann ich dann auch nachher mal was zum Arbeitspensum und der Bezahlung der Assistenzärzte sagen.
Also Montag um acht wieder im altbekannten Hospital de los Heroes de las Malvinas in Merlo wo wir auch Chirurgiepraktikum ganz am Anfang hatten.
Wir sind ganz brav auf die Station gedackelt und natürlich wusste wieder keiner dass wir kommen. Nach langem warten und rumfragen haben wir mitbekommen, dass der Chef der Station Dr. Cubito, der von unserem Kommen eigentlich wissen sollte – gerade den Unterricht für die Studenten im vierten Jahr hält. Also haben wir uns nachdem wir den Seminarraum gefunden haben da mit reingesetzt und uns was über das Multiple Myelom angehört, was wir im ersten klinischen Semester ja bereits hatten und eigentlich auch schon wissen sollten ;-) Man kennt das ja.
Der Unterricht war sehr ähnlich den Vorlesungen in Deutschland, nur das das Semester hier halt nur aus 20 Studenten besteht. Die Atmosphäre ist auch etwas anders – sehr freundlich und umgänglich, fast schon familiär. Dr. Cubito ist wohl ein sehr angesehener Arzt und ich fand die Vorlesung auch ziemlich gut. Mal hat er was an die Tafel geschrieben, mal die Studenten abgefragt und so weiter. Irgendwann hat er sich dann wieder an den Tisch gesetzt und sich genüsslich eine Zigarette angesteckt und fuhr – als wäre nichts gewesen - mit dem Unterricht fort. Ich schaute mich im Zimmer um, keine Regung der Studenten. Ich musste mir wirklich die Hand vor den Mund halten um nicht laut loszulachen. Das die Rauchervorschriften – beziehungsweise die Nichtrauchervorschriften – im Krankenhaus nicht eingehalten werden wusste ich ja schon. Ist ja in Deutschland zum Teil auch nicht viel besser, aber das der Dozent sich während der Vorlesung im Krankenhaus sich eine Kippe ansteckt fand ich irgendwie doch zu absurd. Über die Therapie und Risiken von Blutkrebs zu erzählen und dabei vor den Studenten zu rauchen (die das trotz allem nicht dürfen). Nun gut, nach zweieinhalb Stunden war der theoretische Teil abgeschlossen und alle sind runter in die Cafeteria um dort dann zu rauchen und einen Cortado zu trinken. Nach einer halben Stunde sind wir dann auf die Station, und wir wurden dort in drei Gruppen eingeteilt um jeweils bei einem Patienten eine Anamnese und den Status zu erheben. Am nächsten Tag wird das dann mit dem Chef besprochen.
Danach hat uns Dr. Cubito dann gesagt, dass wir die restliche Woche mit den Assistenzärzten auf der Station bleiben sollten, weil wir den Stoff ja schon gehabt haben. Fanden wir eigentlich schade, weil die Studenten echt nett waren und ich dann wenigstens eine Woche richtigen „Unterricht“ in Buenos Aires mitbekommen hätte.
Die restlichen Tage auf der Station waren trotzdem sehr schön und lehrreich und die Ärzte wie immer sehr nett und immer bereit uns alles zu erklären.
Die Assistenzärzte hatten die Aufgabe die Patienten zu betreuen, die noch nicht stabil waren und wenn die Patienten dann auf dem Weg der Besserung sind übernehmen sie dann die „fertigen, festen“ Ärzte.
Großartig neues kann ich nicht berichten. Auch hier waren die Patienten sehr krank und beschwerten sich selten. Das Highlight auf der Station war eine junge Dame mit einem aurikularem Myxom, Z.n. Schlaganfall. Anscheinend ultraselten. Es gab eine Dame mit Pankreatitis, die seit 4 Tagen nichts essen durfte (sie war etwas angepisst). Ein anderer Patient hatte war wahrscheinlich mit Morbus Wegener diagnostiziert, bei dem man auf den Röntgenbildern sehr eindrücklich die Pseudokavernen sehen konnte. Er war schon im terminalen Nierenversagen, alle AV-Shunts für die Dialyse sind zugegangen, aufgrund einer Mesentericaembolie hat er auch einen künstlichen Darmausgang und kann deswegen nach einer solchen OP keine Peritonealdialyse mehr bekommen. Durch den ZVK durch den jetzt sein Blut gereinigt wird hat der dann die Sepsis (schwerste Blutvergiftung) bekommen. Kurz gesagt ein schwerkranken Mann in den 40ern, dessen Lebenserwartung nicht mehr allzu groß ist. Und auf das allmorgendliche: „wie geht es ihnen“ kam wie meistens im mit einem Lächeln die antwort „Gut, ganz gut!“ zurück. Ansonsten bestand das „Patientengut“ aus etwas von allem. Gasteroenterologisch, Onkologisch und viele Lungen und Asthma Probleme. Eine alte Dame von 70 Jahren wurde mit schwerstem Asthmaanfall interniert. Und man höre und staune, das Asthma wurde bei ihr seit 70 Jahren weder diagnostiziert noch therapiert. Man kann sich vorstellen, dass das Herz ganz schön am Arsch war und Ihr Cor Pulmonale wurde dort versucht medikamentös zu behandeln. Na ja, es gab schon einige Situationen, bei denen ich ganz schön mit den Ohren geschlackert habe.
Die Untersuchungen und Diagnosestellungen gingen auch hier natürlich ohne viel Maschinerie von statten. Allerdings war das die erste Station auf der ein Stethoskop benutz wurde. Die Auskultation (Abhören) und Perkussion (Abklopfen von Gern Organen) war extrem gründlich und mir schien es sehr aussagekräftig. Nach einer viertel Stunde konnten die Ärzte fast ein Röntgenbild nachzeichnen auf Grund von was sie gehört hatten (ist auch nötig weil die Röntgenbilder zum Teil von sehr schlechter Qualität sind). Sehr beeindruckend und sehr gründlich!!!
Zum wiederholten Male will ich auch noch betonen wie toll der Umgang zwischen den Ärzten im Team ist aber viel wichtiger und viel beeindruckender der überaus herzliche und respektvolle Umgang der Ärzte mit den Patienten. Man nimmt sich hier für die Patienten so viel Zeit. Und wenn der sterbenskranke Opa, der sonst immer nur Späße machte und mit den Schwestern flirtet an einem Tag schlecht drauf und traurig ist, dann herzt und drückt die Chefresidente ihn so lange bis er ein Lächeln von sich gibt. Auch für die oft verunsicherten Familien, die in Deutschland so of im ungewissen gelassen werden und mit „Ich hab keine Zeit“ Sätzen abgespeist werden nimmt man sich Zeit und erklärt alles ganz ausführlich und einfühlsam.
Die intensive Teamarbeit und der geduldige Umgang mit den Patienten haben aber auch ihren Preis. Die Arbeitszeiten sind – vor allem für die Residentes (Assistenzärzte) im ersten Jahr – extrem lange. Denn die „Drecksarbeit“ wie Kurven und Berichte schreiben und Visiten vorbereiten wird ausschließlich von denen im ersten Jahr gemacht. Pro Jahr wird dann Arbeit abgebaut und auf die neuen übertragen. Dazu kommt dann noch 2-3 Guardias (Nachtdienste in der Notaufnahme) pro Woche. Carla – die einzige im ersten Jahr auf der Station – hat uns erzählt, dass sie in den ersten Monaten zum Teil das Krankenhaus tagelang nicht verlassen hat, weil es sich für sie nicht mehr gelohnt hat nachts um 12 oder 1 nach Hause zu fahren um dann am nächsten Tag wieder um 7 auf der Matte zu stehen. Krass. Sie verdient im Moment 1400 ARS was ca. 350 Euro sind. Pro Jahr werden es dann 200ARS mehr. Wie viel die fertigen Ärzte dann verdienen weiß ich leider nicht. Aber die arbeiten ja wie gesagt nur vormittags ein paar Stunden in den öffentlichen Krankenhäusern und gehen dann in die privaten.
Das Ausbildungssystem der Ärzte ist hier auch ein bisschen anders. Man kann nach dem Studium ganz normal eine Residencia anfangen mit dem obenbeschrieben Gehalt (das Anfangsgehalt variiert zwischen 700 und 1400 ARS) und dauert meistens 4 Jahre. Wenn man aber lieber noch einen zusätzlichen Job haben will (will das Gehalt meistens nicht ausreicht) und dieser Job nicht mit den obengenannten Arbeitszeiten in Einklang zu bringen ist (wie auch) hat man die Möglichkeit eine Concurencia zu machen. Eine Concurencia dauert genauso lange wie eine Residencia ist aber Halbtags und unbezahlt! In der Gynäkologie zum Beispiel hat eine fertige Chirurgin (sie hat in der Chirurgie schon ihre vier Jahre Residencia hinter sich) ihre Concurencia vormittags gemacht und ist nachmittags in ein anderes Krankenhaus um dort als Chirurgin zu arbeiten. Warum? In der Chirurgie verdient sie nicht genug um ihre Familie zu ernähren und wenn sie mit der Concurencia fertig ist, kann sie als Gynäkologin arbeiten und dort auch viel mehr privat abrechnen. Es gibt natürlich auch besser bezahlte Fachrichtungen, aber sie liebt es zu operieren und in der Gyn ist man viel im OP. Sie meinte sie ist am glücklichsten im OP und bei ihren Kindern (in der Reihenfolge). Sehr sympathisch ;-)
Damit ist die Medizinausbildung für mich hier nach drei Wochen Blockpraktikum definitiv abgeschlossen.
Ansonsten ist auch einiges neben der Uni passiert: Ich werde im Juni in einem Kinderheim arbeiten, ich bin gerade umgezogen,… .
Mehr dazu im nächsten Blog.
Samstag, 9. Juni 2007
Innere
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