Mein chronisch zahlungsunfähiger Mitbewohner Gerardo hat uns zwei Wochen nachdem ich eingezogen bin eröffnet, dass er sein 10 m2 Zimmer bis Weihnachten an einen Freund untervermietet (er selbst bleibt auch darin wohnen!!!). Der Weltmeister im Tango aus Kolumbien soll bei uns einziehen. Mit der Beschreibung hatten Lu und ich auch nichts dagegen. Hinterher hat sich herausgestellt, dass Gera den Typ vorher gar nicht kannte und das kolumbianische Tangotänzer nicht immer das halten was die erste Vorstellung verspricht.
In der Zwischenzeit haben wir ihn wieder rausgeschmissen weil er gar nicht mehr ging aber bis dahin haben wir ihn nur ertragen weil wir uns immer wieder seine Aktionen rezitiert haben und uns über ihn Lustig gemacht haben weil er so nicht von dieser Welt war. Ein paar möchte ich mit euch Teilen:
1) Erster Abend: Wir hatten Besuch und sitzen ziemlich bekifft bei Lu im Bett und schauen einen Film als John (so heißt eben dieser Mann von Latino) mit einem riesigem Pokal in den Armen reinplatzt: „Schau mal was ich gewonnen habe“ und drückt Lu den Pokal in die Hand. Es hat sich dann herausgestellt, dass er den Pokal nicht heute oder gestern, sondern vor 3 Monaten bei irgendeinem Wettbewerb gewonnen hat. Mit eben diesem Pokal reist er jetzt durch die Weltgeschichte und zeigt ihm jedem der ihm unter die Nase läuft. Als er ihn Lu nach einer Viertelstunde dann wieder abgenommen hat, nahm er ihn ganz liebevoll in die Arme und gestreichelte ihn – kein Witz.
2) John ist klein, hässlich und überall sehr stark behaart. Am ersten Morgen kam er gutgelaunt in die Küche und hat uns wie immer über sein Leben zugetextet und wie toll er ist und so - nur ab diesem Moment lief er nur noch in Boxer Shorts durch die Wohnung und glaubt mir, das war kein schöner Anblick. Lu hat ihm dann irgendwann ganz vorsichtig beigebracht dass wir das nicht so toll fanden. Seine Reaktion „Oh, que pena, que pena! No sabía – en Columbia es normal – no sabía que no se lo hacen en Argentina“ was soviel heist wie “Wie schade, wie schade. Ich wusste nicht, dass man das hier nicht macht. In Kolumbien ist das normal.“ Blödsinn. So als ob da jeder in Unterwäsche vor seinen fremden Mitbewohnern rumläuft. Er hat sich dann schweren Herzens eine lange Schlafanzughose die mit Delfinen bedruckt war angezogen. Sein behaarter Oberkörper blieb uns leider nicht erspart.
3) Eine Woche später, wir haben ein paar Freunde eingeladen und in der Küche gequatscht und getrunken. Um 3 sind wir dann ins Bett und Edu hat bei mir übernachtet. Um 5 Uhr in der Nacht klopft es an meine Tür. Ich meinte nur „No, lass mich in Ruhe“. Es klopft weiterhin. Reichlich genervt frag ich was er denn will. „Ich brauche nur dein Aufladegerät für meinen MP3 Player!“ GEHT’S NOCH?!?!?!
4) Einen Monat später kommt er völlig verstört in mein Zimmer (diesmal zu gemäßigter Zeit am Nachmittag): „Du bist doch Doctora, ich hab da was in meinem Mund.“ Ich schaue nach. Ein 2 mm Risschen! Ich hab ihn beruhigt und gemeint dass das ganz schnell von selbst heilt. Er war ganz erleichtert. „Also muss ich nicht ins Krankenhaus?“ – „NEIN!!!“
5) Zwei Tage danach: „Hannah, du bist doch Doctora. Ich fühl mich so schwach, weißt du wo hier in der nähe ein Krankenhaus ist?“ Ich frage nach was er für Symptome hat und es stellt sich heraus, dass er nur ein bisschen kaputt ist und ne Erkältung hat. Ich schlage Ruhe, viel Flüssigkeit und ne Aspirin vor. Und konnte ihm nach viel zureden davon Abhalten ins Krankenhaus zu fahren. Daraufhin bittet er mich seine Mutter anzurufen um Ihr zu versichern, dass es ihm gut geht und dass er nicht ins Krankenhaus muss. Jetzt musste ich mich echt zusammenreisen und hab ihm verständlich gemacht, dass er mir auf die Nerven geht und mich in Ruhe lassen soll.
So das waren nur einige Geschichten,… . Ich will gar nicht davon Anfangen, das Gerardo und John beide ihre Freundinen fast jeden Abend da hatten und sich im Zimmer nach Zeitplan abgewechselt haben. Na ja, ein paar Tage später wurde er gegangen. Ab da hab ich mich auch wieder wohl in der Wohnung gefühlt.
Jetzt haben wir einen Neuen Mitbewohner. Brownie. Sechs Wochen alt, Straßenköter, völlig verrückt und hat schon die hälfte meiner Klamotten zerbissen. Er kann sehr ausdauernd heulen wenn er nicht dass bekommt was er will und stubenrein is er auch noch nicht. Aber trotz allem macht sein hübsches Antlitz und das Kindchenschema alles wieder wett.

So ich dachte eigentlich ich hätte nichts zu erzählen, aber das Nichts ist immerhin fast drei Seiten lang. Ich halte euch aufm Laufenden. Schönen Advent aus dem immer noch ziemlich kalten BA – aber nächste Woche sollen es endlich 30° werden.
Donnerstag, 15. November 2007
Mitbewohner
Frühling in BA, Feria (Markt) in Mataderos
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