Hier einige Worte wie ich ihn in den letzten Monaten erlebt habe.
Letztendlich – wie so oft – trieb mich der Hunger in zu ihm genauer gesagt in „La Catedral“.
Von außen völlig unscheinbar wie der Eingang zu einer Lagerhalle lässt sich kaum vermuten dass sich dahinter meine neue Lieblingslokation der Metropole verbirgt.
Von innen weicht der Eindruck einer Lagerhalle der einen riesigen Bauernscheune mit meterhohen Denken einer enormen Holzkonstruktion was eine Art Bühne darstellen soll, voll gestellt mit Allemmöglichen und die Wände sind bis unter die Denken so vollbestückt mit Gemälden, Postern und Krams die alle nicht zusammenpassen, dass man die obersten kaum ausmachen kann. Entlang den Wänden sind uralte verranzte Sofas und Sessel gestellt, die das Parkett der Tanzfläche umsäumen und vor der überdimensionalen Bar stehen einige Tische und Stühle zum Essen die allesamt nicht zueinander passen, kaum ein Möbelstück ist noch voll funktionsfähig und es sieht aus als ob das die Überbleibsel eines Ramschflohmarktes sind, die keiner haben will. Die Beleuchtung ist schummrig und kommt von verschiedensten Laternen, Lampen und Lichterketten und unter der Decke hängt ein Ding, dass aussieht wie ein riesiges, schwebendes, rundes, rotes Zelt in dem ein Lagerfeuer brennt.
Der Vorraucherraum neben der Küche ist wiederum grell erleuchtet, das Schachmuster des Bodens passt überhaupt nicht zu den bunten „Filetes“ die dort ausgestellt werden. Die Kellner/Köche/Tanzlehrer waren ausnahmslos junge Leute die aussahen als ob sie gerade auf dem Weg zu einem Punkkonzert waren. Am schönsten fand ich das Bild wie ein schätzungsweise 28-jähriger mit Irokesenschnitt und zerrissenen Jeans auf der Tanzfläche steht und einem ganz feinen Älteren Pärchen Verbesserungsvorschläge zu ihrer Tanzhaltung gibt.

"La Catedral" --- unten rechts: "Clase de Tango"

Zurück zur ursprüngliche Motivation: die Speisekarte war klein aber fein und ausschließlich vegetarisch, was ich bis jetzt noch nie in Argentinien gesehen habe und das Essen so lecker das mein Gaumen, abgestumpft von der tristen, geschmacklosen Alltagsküche hier, selber Tango getanzt hat. Allerdings wich der kulinarische Teil doch in den Hintergrund beim Blick auf die Tanzfläche. Um 8 und um 10 finden jeden Tag die ca. zweistündigen Kurse statt und jeder kann ohne Anmeldung teilnehmen, egal ob Fortgeschritten oder Anfänger. Danach zahlt man dann 10 Pesos (ca. 2,50 €) und gut is.
Ich hab bis jetzt zwei schweißtreibende Unterrichtseinheiten mitgemacht. Beim erstem mal war ich mit Stefan die einzigen Anfänger in einem sehr überlaufenen Kurs und wir wurden nach den Rhytmusübungen mehr oder weniger in die Ecke verbannt um die Grundschrittfolge zu übern, was uns nach den zwei Stunden auch einigermaßen gelungen ist. Aber selbst dabei kamen wir den anderen Paaren in die Quere weil wir uns einfach nicht so schnell, geschickt und schon gar nicht elegant durch den Raum (bzw. unsere Ecke) manövrieren können um den anderen auszuweichen. Auch wenn wir selbst uns wie Zinnsoldaten vorkamen war es schwer beeindruckend unserem Tanzlehrerpärchen zuzuschauen. Er, ein Hüne von einem Latino: groß, breite Schultern, lange offene dunkle Haare und eine ganz tiefe und energische Stimme. Sie war für eine typische Argentinierin einen Tick zu groß aber sonst klassisch schlank, Beine bis in den Himmel, die die meiste Zeit nur durch die Luft flogen und stand immer ganz still und brav daneben. Auch wenn sie nur wenige Sequenzen getanzt haben um uns (bzw. den anderen) die Schrittfolgen beizubringen war auch das schon sehr beeindruckend wie er sie durch den Raum schob und sie dabei an seiner Brust klebte und dabei doch ganz grazil ihren Körper bewegte. Es sah wirklich so aus als ob sie ein Teil von ihm wäre. Jede auch noch so kleinste Bewegung seinerseits wurde direkt von ihr übernommen und weitergeführt. Ein Kopf vier Beine: So sieht das dann aus!
Beim zweiten Mal mit Edu war das etwas anders. Außer uns war nur noch ein weiteres Pärchen da, auch Anfänger. Sprich das Tanzlehrerpaar konnte sich voll und ganz auf uns konzentrieren. Und da wurde mir schmerzlich bewusst, dass die Schrittfolge (zumindest für mich, Edu tat sich da schwerer) das kleinere Problem war. Die Haltung hat nichts mit der des Standarttango in Europa zu tun. Die Umarmung ist unglaublich eng – man schlingt den Arm vollkommen um den/die Partner/in und die Frau lehnt sich so gegen die Brust des Mannes, dass eben diese führt und die freien Hände praktisch nur das „Lenkrad“ sind mit dem der Mann die Richtungsimpulse gibt. Vor lauter „Schultern und Hände bilden ein stabiles Dreieck“, „Gegendruck gegen die Hand und Brust des Mannes geben, damit er mich führen kann“, „Füße langsam über den Boden streichen“, „Knie zusammen“, „auf die Zehenspitzen“, „nicht auf die Füße des Anderen treten“,… war ich irgendwann nur noch ein verkrampfter Haufen Gliedmaßen.
An dem besagten Abend jedoch haben wir allerdings nicht getanzt sondern nur gegessen und geschaut. Nach der zweiten Unterrichtsstunde war dann Milonga, d.h. freies Tanzen. Auch da gibt es 1000 Regeln die man allein schon beim auffordern zum Tanz beachten muss, aber da hab ich wenig Ahnung, das sagt euch Wikipedia bestimmt besser.

Für den Drink danach sind wir dann in die „Bar de Roberto“ gegangen nur wenige Quadras entfernt. Eine wunderschöne kleine Bar die Wände mit Regalen bis unter die Decke gefüllt von alten verstaubten Flaschen. Im Hinterhof konnte man rauchen was man wollte, aber dorthin zu gelangen war schwer, denn es war so voll, dass die Flaschen vom Tresen über die Leute gereicht wurde und das Geld zum bezahlen ebenso weil keiner sich mehr einen Weg dorthin bahnen konnte. So gegen ein Uhr betritt ein Schönling mit halblangen Haaren um die 40 eine klitzekleine Bühne (eher eine große Obstkiste) mitten zwischen den Tischen. Plötzlich ist absolute Stille und alle schauen ganz konzentriert zu ihm auf. Er fängt an mit geschlossenen Augen seine Tangolieder zum Besten zu geben. Die Musik erfüllt den Raum mit einer Melancholie die den Schmerz der zerflossenen Liebe förmlich spüren lässt. Die jungen Leute hören jeder für sich ganz gebannt zu, es scheint, als sein jeder in seiner eigenen Welt der Wehmut und Schmerzes. Wenn ich meinen Blick durch den Raum gleiten lasse, sehe ich die jungen Menschen teils mit geschlossenen Augen, teils sogar mit der Hand auf dem Herz und schmerzverzerrter Miene, die den Liedtext leise vor sich her mitsingt.
Nach einer guten halben Stunde betritt zusätzlich noch ein sehr alter gewichtiger Mann die Bühne, der bis jetzt im Publikum saß und übernimmt den Part des Sängers. Der Schönling begleitet ihn auf der Gitarre. Er ist wohl schon seit langem der „Star der Bar de Roberto“ und singt dort schon seit Jahren dienstags und donnerstags - hab ich mir sagen lassen. Man hört ihm seine Erfahrung an. Sein Bariton erfüllt den Raum und die Stille. Als irgendjemand wagte seinem Nachbarn etwas zuzuflüstern erschallt sofort ein lautes „psssssst“ aus allen Ecken – es stört das Leiden des Publikums – täglich unterdrückt durch die Hetzte des Alltags, dass durch seine Tangomusik endlich Platz zum Ausdruck bekommt.
Irgendwann am frühen Morgen bin ich dann ganz gut betrunken und sehr glücklich über die neuen kulturellen Entdeckungen nach Hause getorkelt. Seit dem bin ich ziemlich regelmäßig in den beiden Läden. Und ich würde auch gerne weiterhin Tangounterricht nehmen, aber die männlichen Tanzpartner – frustriert von den nicht ganz so großen ersten Erfolgen auf dem Parkett – bei der Stange zu halten ist leider nicht ganz so einfach.

Hannah, Bea und Edu in "Bar de Roberto" (an dem Tag war "der" Alte nicht da, deswegen auch nicht so voll)
Tango erzählt wirklich bis heute einen wichtigen, emotionalen meist in Geschichtsbüchern unbeschriebenen Teil der Geschichte Argentiniens und hat unglaublich strenge und ehrenvolle Regeln und Kodex’. Wer sich dafür interessiert, kann ich nur empfehlen mal zu googeln. Ist wirklich interessant und als Belletristik kann ich sehr empfehlen „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ von Wolfram Fleischhauer.




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